Der Himmel auf Erden

Eine verlorene Frau, ein vergessener Ort: Mit 24 traf Rosa Hofer eine Entscheidung, die sie von allem befreite und ihr alle Freiheit nahm.

Erschienen am 01.04.2014 im Monatsmagazin DATUM.

Sie dreht sich nicht mehr um, als sie beschließt, dieses Leben hinter sich zu lassen. Nur das hellgrüne Kleid trägt sie, und etwas Geld für die Fahrt hat sie dabei. Mehr braucht sie nicht. Zwei Stunden dauert die Reise in einen Neubeginn, der das Ende ihrer Freiheit bedeutet.

Im Mai 1962 besucht Rosa Hofer (Namen geändert) ihr Elternhaus auf einem kleinen Berg bei Sankt Lorenzen in der Oststeiermark. Einen Tag und eine Nacht verbringt sie dort. Ein letztes Mal legt sie sich ins Bett ihrer Mutter und schläft eng neben ihr ein. Dass dieser Besuch ein Abschied ist, weiß damals niemand außer ihr selbst. Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, steigt sie mit ihrem Bruder auf dessen Motorrad. Im Kopf hat sie ein paar Gedanken über ihr Leben, über ihre Familie und die feste Entschlossenheit, all das hinter sich zu lassen. An der Haltestelle wartet bereits der Bus nach Graz. »Pfiat di, Bruder.« Sie steigt ein und blickt nicht zurück.

Mit der Linie 21 fuhr Rosa Hofer damals in die Grabenstraße 114. Seither hat sich vieles verändert hier. Die Bushaltestelle gibt es schon lange nicht mehr, die Straße ist heute eine der Grazer Hauptverkehrsadern, vierspurig verläuft sie durch den dritten Stadtbezirk. Links und rechts Wohnungen, Geschäftslokale, Büroräume. Und zwischen einer Tankstelle und einem Blumenladen eine lange Wand aus Stein. Die war damals schon da. An dem Frühsommertag im Jahr 1962 bildete sie die Grenze zwischen Rosa Hofers altem Leben und dem neuen.

In die Mauer eingebaut steht eine Kirche und, etwas weiter die Wand entlang, ein weiteres Gebäude. Der braune Verputz bröckelt an den Ecken, die straßenseitigen Fenster sind doppelt mit Eisen vergittert und in einer Maueröffnung sind zwei kleine Schilder befestigt: »Grabenstraße 114« steht auf dem einen, »Karmelitinnen« auf dem anderen.

Der Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen sollte die Zuflucht und neue Heimat der Rosa Hofer werden. Den Eintritt bezahlte sie mit ihrer Freiheit, ihrem Eigentum und ihrer Selbstbestimmung. Als sie das hellgrüne Kleid von ihren Schultern streifte und aus Rosa Hofer Schwester Anna wurde, legte sie auch ihr altes Leben ab.

52 Jahre sind seither vergangen. Und 52 Jahre hat sie diesen Ort bis auf ein paar Arztbesuche nicht mehr verlassen. Sie ging nie wieder die Straße entlang, war in keinem Supermarkt und nicht in dem kleinen Blumenladen nebenan. Im Juni wird sie 76 Jahre alt. Schwester Anna ist meine Großtante. Ich habe viele Geschichten von ihr gehört, sie aber nie getroffen.

Das Besucherzimmer im Kloster ist ein einfacher Raum, vielleicht zehn, elf Quadratmeter groß, mit Laminatboden und Fenster zum Innenhof. Zwei Heiligenbilder und ein Holzkreuz hängen an den Wänden, über der Tür eine Uhr, die irgendwann um Viertel nach drei stehengeblieben ist. An der einen Seite vier Sessel und ein Tisch, ganz an den Rand geschoben, und darüber, in die Wand gemauert, ein großes schwarzes Eisengitter.

Im Raum dahinter sitzt meine Großtante. Ein direkter Kontakt mit den Schwestern ist hier nicht erlaubt. Ihre Haut ist blass, heller als die Wand daneben. Unter dem schwarzen Schleier leuchten weiße Haarsträhnen hervor. Die Lippen sind ­schmal, dunkelrot. Zwischen den tiefen Falten trägt sie etwas Kindliches im Gesicht. Ihr braunes Holzkreuz über der Brust verläuft sich in der Farbe des Ordensgewands. Sie sieht schön aus und lächelt, während sie weint. Zur Begrüßung zieht sie den rechten Handschuh aus, streckt die Finger durch den schmalen Spalt und drückt kurz, aber innig die Hand, die ich ans Gitter halte. Sie sieht mich an und sagt, als habe sie viele Jahre darauf gewartet: »Endlich.«

Ich bringe kein Wort heraus, aber denke dasselbe. So oft wollte ich sie kennenlernen, wollte wissen, wer diese verlorene Tochter meiner Urgroßeltern ist, die bei jeder Familienfeier, bei jedem Begräbnis nur der leere Sessel am Ende des Tisches war. Meine Großmutter führte einen Briefwechsel mit Schwester Anna, manchmal ließ sie mir Grüße von ihr ausrichten und erzählte mir von ihr. Aber viel erfuhr ich nie. Ich wollte wissen, wie sie aussieht, wie sie spricht, wie sich ihr Lachen anhört. Und über diesen vielen Fragen stand immer die eine große: warum?

Wer Schwester Annas Entschluss verstehen will, muss einen Blick in Rosa Hofers Vergangenheit werfen. Am 25. Juni 1938 wurde sie als sechstes von sieben Kindern in eine Bauernfamilie geboren, in einer Zeit, als man auch in den Dörfern der Nordoststeiermark am Küchentisch ums Überleben kämpfte. Das Essen war knapp, die Angst groß. Mitten im Zweiten Weltkrieg zog ein schweres Gewitter über den kleinen Berg bei Sankt Lorenzen; der Blitz schlug ein, das Haus und der Hof brannten bis auf die Grundmauern nieder. Anfang 1945 kam Rosa Hofer, gerade sechs Jahre alt, zu einer fremden Familie in der Umgebung. Dorthin, wo es weniger Kinder und mehr Essen gab. Ein Jahr später musste sie zurück, wollte aber nicht. »Sie hätten mich dort lassen sollen. Ich wusste, daheim gibt es keinen Platz für mich.« Zu fünft schlief sie mit ihren Geschwistern in einem Bett voller Flöhe. Auch später habe sie nie ihren Platz im Haus gefunden. Der älteste Bruder übernahm den Hof, die anderen gründeten Familien, und sie zog ins Tal, um Arbeit zu finden. Lange erfolglos. Mit Anfang 20 war sie unglücklich verliebt, fühlte sich verlassen, wusste nicht, wohin. »Keiner wollte mich. Bis ich nicht mehr wollte und sagte, ich gehe.« Der Pfarrer im Ort versuchte sie noch von ihrer Idee abzuhalten, seine Köchin hätte sie werden können und Arzthelferin und Verkäuferin in dem kleinen Laden neben der Kirche. Für sie aber schien ihre Entscheidung damals der beste und einzige Ausweg zu sein. Und stur war sie auch. »Meinen Geschwistern, den Eltern, niemandem habe ich es erzählt. Sie hätten mich nicht losgelassen.« Es ist Rosa Hofer, die so durch das Eisengitter spricht, nicht Schwester Anna. Aus Trotz und mit der Hoffnung, den Halt, den sie im Leben verlorenen hatte, bei Gott zu finden, beschloss sie 1962 mit 24 Jahren, ins Kloster zu gehen.

Mit den Unbeschuhten Karmelitinnen entschied sie sich bewusst für eine der strengsten Klostergemeinschaften überhaupt. Sie gehören dem Teresianischen Karmel an und bekennen sich neben dem üblichen Versprechen, in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben, auch zur »strengen Klausur«. Der abgegrenzte Innenbereich des Klosters ist den Nonnen vorbehalten. Verlassen dürfen sie ihn nur in den seltensten Fällen und mit Erlaubnis der Oberschwester. Von den gut 4.200 Schwestern in den 120 katholischen Frauenorden Österreichs gehören rund 110 den Unbeschuhten Karmelitinnen an, zwölf davon leben hier in Graz. Auch der Zutritt ist ein exklusives Recht. Ohne abgelegtes Priester- oder Ordensgelübde kommen Normalsterbliche nur schwer hinter diese Mauern. Angehörige und Bekannte können die Schwestern lediglich nach Abmachung und zu bestimmten Zeiten besuchen – um dann Gespräche durch vergitterte Fenster zu führen.

Während sich aktive katholische Gemeinschaften karitativ in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft engagieren, leben die Unbeschuhten Karmelitinnen als kontemplativer Orden bewusst in Stille und Abgeschiedenheit. Elf solcher Orden bestehen in Österreich, wie die Regel im Speziellen ausgelegt wird, ist jeder Gemeinschaft selbst überlassen. Genauer gesagt: unterliegt der Priorin. Und in keinem dieser Karmelitinnenklöster wird die Ordensregel strenger gelebt als im Konvent zu Graz. Obwohl sich das Kloster mitten in der Stadt befindet und die Autos so nahe vorbeifahren, dass sie noch den Dreck und das Regenwasser der Straße auf die Mauer spritzen, liegt es im Verborgenen. Es ist ein vergessener Ort. Selbst viele Stadtbewohner wissen nicht, dass der Orden hier existiert. Auch Mitglieder der Kirchengemeinschaft und das Bischöfliche Ordinariat, die zentrale Verwaltungsbehörde der Diözese Graz-Seckau, können wenig über das Leben der Nonnen hier sagen. Über ein Detail sind sich jedoch alle einig: Die Schwestern möchten nicht gesehen werden.

Hier lädt auch nichts zum Besuchen ein. Der Eingangsbereich erinnert an den zubetonierten Innenhof eines lang verlassenen Hauses. Kleine Schilder zwischen vergitterten Fenstern weisen den Weg zur »Pforte« hinter einem lachsrosa Flügeltor: Hier warten ein enger Raum, versperrte Türen und ein Holzvorbau, der sich wie ein Beichtstuhl aus der Mauer wölbt. Daneben ein Schalter und darunter ein Zettel: »Bitte hier läuten. Bitte fester drücken.«

Wenn die kleine Öffnung des Vorbaus aufgeht, sieht man durch ein Sprossenfenster die Pfortenschwester. Sie übergibt der Besucherin einen großen eisernen Schlüssel, der die Tür zum Besucherraum in der angrenzenden Klosterkirche aufschließt.

Seit einer Stunde sitzen wir uns hier gegenüber, meine Großtante und ich. Während sie flüsternd von ihrem Leben erzählt, bricht ihr immer wieder die Stimme weg. Nach jedem Satz eine Pause, ein Räuspern, ein tiefes Luftholen. Behutsam setzt sie ein Wort hinter das andere. Als wäre es ein kostbares Gut, das mit großer Sorgfalt verteilt werden muss. Sie ist das Reden nicht gewohnt, im Kloster fallen wenige Worte. Im Schweigen, in der Einsamkeit und im Gebet fühlen sich die Schwestern Gott nahe. Die Stille sei notwendig, sagt Schwester Anna, um seinen Botschaften lauschen zu können und ihr Ziel, die Vereinigung mit Gott, zu erreichen.

Das Gespräch mit den anderen Schwestern ist den Bewohnerinnen nur zu bestimmten Zeiten möglich. Zweimal täglich dürfen sie sich eine Stunde lang miteinander unterhalten. »Aber so viel passiert bei uns ja nicht«, sagt Schwester Anna. »Worüber sollen wir auch reden?« Sie lacht kurz auf, bevor ihr Oberkörper und die Schultern wieder nach unten sacken. Zwischen diesen schweren Worten scherzt sie immer wieder.

Dennoch ist die Erinnerung da an die Zeit, als ihr gar nicht mehr nach Lachen war. 30 Jahre nachdem sie ihr Kleid und ihren Namen abgelegt und das alte Leben aufgegeben hatte, war sie kurz davor, sich selbst aufzugeben. »In den Sprechzeiten wollte ich nicht mehr mit den anderen reden, ich konnte nicht mehr lächeln und hatte die Freude an allem verloren.« Sie sei antriebslos gewesen, das Aufstehen am Morgen sei ihr schwergefallen. Als Traurigkeit beschreibt sie, was wir außerhalb der Mauern Depression nennen. Durch Gespräche mit einer Nonne aus einem anderen Karmelitinnenorden wurde es langsam besser. Aber auch die Zeit heilt nicht alle Wunden, nicht einmal hier in der Grazer Grabenstraße.

Im Karmel gleicht jeder Tag dem anderen, zumindest nach außen hin. Sobald er endet, beginnt er von Neuem. Wie eine Schleife wiederholt er sich 365-mal im Jahr. Dass es nicht immer derselbe ist, merkt man nur an den Rosenblättern im Garten und an den Falten im Gesicht. Das Leben der Karmelitinnen ist auf intensives Gebet ausgerichtet, das täglich um 5.30 Uhr mit dem Morgenlob beginnt. Danach inneres Gebet, geistliche Schriftlesung und Gebet, gemeinsames Gebet, Abendgebet. Das ganze Dasein soll Gebet sein. »Wir wollen immer in Gott sein«, sagt Schwester Anna, während sie die Hand langsam auf das Holzkreuz legt. Sie arbeiten, kochen, essen im Beten. Die Klosterkost fällt meist karg aus. Oft gibt es das entsorgte Obst und Gemüse aus dem nahen Supermarkt, das eine Frau freitags in Körben vorbeibringt. Die Schwestern schneiden die schlechten Stellen heraus und verwerten es weiter. Während der Fastenzeit gibt es das Gleiche, aber von allem noch weniger; sie verzichten auf Fleisch, freitags auf alles mit Milch und morgens auf die Butter zwischen Marmelade und Brot. Dazu keine Besucher und keine Worte in den 40 Tagen vor Ostern.

»Einmal wöchentlich kommen zwei Priester in das Kloster, um uns Schäfchen von den Sünden zu befreien«, sagt Schwester Anna. Sie wechselt jede Woche zwischen den Beichtvätern. Einmal Pater Gabriel, dann Pater Stefan, dann wieder Pater Gabriel. Sie möchte niemanden bevorzugen, »jeder will doch seine Herde bei sich haben«. Beten, beichten, fasten, schlafen: In vier Begriffen lässt sich hier ein halbes Jahrhundert Leben zusammenfassen. Hinter dem braunen Verputz der Grabenstraße 114 herrscht ein streng hierarchisches System. An seiner Spitze steht die Ordensoberschwester, die Priorin. Aus ein paar Metern Entfernung sieht sie wie Schwester Anna aus. Dieselbe blasse Haut, derselbe schwarze Schleier, dasselbe dunkelbraune Ordensgewand. Erst als ich vor dem Gitter stehe, bekommt sie ein eigenes Gesicht. Die Priorin im Kloster ist sozusagen die Hand der Hand Gottes. Innerhalb dieser Mauern ist auch sie allmächtig. Alle drei Jahre wird sie von den Schwestern gewählt, die danach im strengen Gehorsam ihr gegenüber leben müssen. »Jesus sagt, wer die Vorsteher hört, der hört mich«, sagte sie. Die Priorin trifft alle Entscheidungen und kontrolliert die Einhaltung der Regeln. Und im Karmel gelten andere Gesetze als draußen.

Briefe an die Schwestern werden vorher geöffnet, Geschenke werden verteilt oder verschwinden wieder. Die Nonnen haben keinen Zugang zu Nachrichten, es gibt weder Fernsehen noch Radio oder Zeitungen im Kloster. Mehr als Heiligenbilder und Gebetsbücher findet sich hier nicht. Die Priorin bestimmt, welche Informationen in den Orden gelangen und für welche Menschen oder Ereignisse die Schwestern beten sollen. Sie ist der Filter zwischen innen und außen. Eine einzige Zeitung hat sie abonniert, die deutsche Tagespost, die sich auf Kirchenthemen konzentriert, mit ein wenig Berichterstattung über Politik, Gesellschaft und Kultur. Herausgeber des katholischen Blattes ist Günter Putz, Domdekan und Prälat in Würzburg. »Die Tagespost ist schon eine gute Linie«, sagt die Priorin. Daneben verwende sie hin und wieder andere Quellen, »um ja nicht zu eng zu werden. Und ein bisschen lese ich den Schwestern manchmal auch vor.« Details über Weltgeschehnisse und Namen gibt sie bewusst nicht weiter. Das spiele keine Rolle, das zu wissen sei für die Schwestern nicht nötig.

»Dieses Vieh« haben sie hier auch nicht, sagt Schwester Anna und meint damit Computer. Sie hat keine Idee vom Internet, keine Vorstellung von twitternden Päpsten, von schwarzen US-Präsidenten und davon, dass Österreicher die gleiche Währung wie Franzosen haben. Als sie ins Kloster ging, war Europa in einen West- und einen Ostblock geteilt, John F. Kennedy Präsident der Vereinigten Staaten, und noch nie war ein Mensch auf dem Mond gelandet.

Hinter Schwester Anna geht langsam die Tür auf. Eine junge Frau, weiß gekleidet, bringt ein Tablett mit Striezel und einer Kanne Kaffee herein. Sie ist Novizin, eine Anfängerin im Kloster; davon gibt es nur noch wenige. Ich habe keinen Appetit, nehme es aber an, weil ich weiß, wie wichtig es für Schwester Anna ist. Bis ich gehe, werde ich mit Mühe alles aufgegessen und ausgetrunken haben. Es tut ihr weh, dass sie mir selbst nichts anbieten kann. Ihr gesamter Reichtum besteht aus einem Wecker aus Eisen, einer Jesusfigur und ein paar Briefen von Verwandten – alles über 50 Jahre hinweg hart erkämpftes Gut. Denn die Unbeschuhten Karmelitinnen gehen auch mit leeren Händen durch die Welt. Sie leben in äußerster Armut und dürfen kein Eigentum besitzen. Als Bettelorden leben sie ausschließlich von Sachspenden und kircheninternen Arbeiten. Sie nähen Priester- und Ordensgewänder, gießen Messkerzen und basteln irgendwelche Dinge aus Stroh.

Nicht das Nichtshaben ist so schwer für Schwester Anna, sie hatte nie viel im Leben. Aber wenn man gar nichts hat und einem selbst nichts bleibt, gibt es auch nichts mehr zu geben. Ihr ganzes Leben besteht aus Fasten und Entbehrungen. Nicht einmal die Nacht bleibt den Karmelitinnen heilig. Es ist kalt innerhalb der alten Mauern, die Räume des Klosters werden wenig beheizt. Aber es sei schon viel besser als früher, sagt Schwester Anna. Damals wirkten die Winter länger, als nur vereinzelt kleine Öfen in den Ecken der Zimmer standen. Die Kälte ließ das Weihwasser in den Becken gefrieren. Die Ordensfrauen schlafen in ihren Zimmern, die sie selbst Zellen nennen, auf einfachen Holzgestellen mit dünnen Matratzen und leichten Decken. Und wenn sie sich um 21 Uhr in die Betten legen, beginnen sie zugleich mit der nächtlichen Buße. In irgendwelchen Klosterschränken gebe es auch dickere Decken, sagt Schwester Anna, aber die seien nur für Kranke bestimmt. Nach welchen Kriterien die Priorin das Kranksein beurteilt, wissen die Ordensfrauen nicht. »Mir legen sie die dicke Decke wahrscheinlich erst mit ins Grab«, sagt Schwester Anna und lacht. Sie leidet seit vielen Jahren an Knochenschwund.

Im Vergleich zu früher sind die Schlafverhältnisse in dem Kloster aber schon fast fortschrittlich: Bis Ende der Neunzigerjahre verbrachten die Ordensfrauen ihre Nächte in Graz auf Stroh. Schwester Anna erinnert sich noch daran, als eine Schwester den letzten Sack langsam aus der Zelle zerrte – am Ende konnte sie sich nur schwer davon trennen, nach all den Jahren hatte sie ihn fast liebgewonnen.

Die Karmelitinnen glauben an das Göttliche ihrer Lebensweise. Doch es gibt Bestimmungen, die auch sie nur schwer verstehen können. Dass Schwestern bei Magenproblemen eine Woche lang gar nichts essen sollen etwa oder dass sie für die Sünden ihrer Verwandten Buße tun müssen. Manchmal würden sich da auch leise Stimmen bei den Schwestern rühren, die sich vorsichtig gegen die Regel erheben, sagt meine Großtante. Doch meistens gibt es kein Erbarmen. Am Ende gilt das, was die Priorin sagt. Sie ist hier auch das Wort Gottes.

»Ich bestimme im Namen Gottes, setze für die Schwestern um, interpretiere das Wort Gottes, wie ich meine, dass es für sie der Wille Gottes sei«, sagt die Vorsteherin des Klosters. Der eigene solle gebrochen, sein Aufbäumen immer wieder unterdrückt werden, so lange, bis man nur noch im Willen Gottes lebe. Dann sei man in der höchsten Stufe angelangt. Leicht sei das natürlich nicht, sie sehe bei den Jungen, wie sie kämpfen gegen den Egoismus, gegen die Versuchungen und Verzweiflungen, wie sie nach dem Aufsteigen fallen, um wieder von vorne zu beginnen. Und dann diese Anfeindungen der Menschen, die so tun würden, als sei draußen alles besser. »Joseph II. hat das auch nicht kapiert. Schmarotzer hat er uns genannt. Unser Orden war unter den ersten, die er aufgehoben hat.« Die Priorin kann über den Sohn Maria Theresias, der Ende des 18. Jahrhunderts hunderte Klöster in Österreich auflöste, nur den Kopf schütteln, das Vorgehen des aufgeklärten Kaisers ärgert sie immer noch. Aber wer den Ruf Gottes selbst nicht gehört habe, könne eben nicht verstehen, dass es nirgendwo sonst diesen Frieden gebe, dass hier der Himmel auf Erden sei.

Für Schwester Anna war er das offenbar nicht immer, aber je länger die Schwestern bleiben, umso schwerer wird das Gehen. Die Eingliederung in den Orden erfolgt in mehreren Stufen, Stück für Stück binden sie sich fester an die Gemeinschaft. Nach sechs Jahren legen sie das letzte Gelübde ab, die Endprofess. Damit verschreiben sich die Schwestern für ewig Gott und dem Orden. Um solch ein Gelübde wieder lösen zu können, müssten sie einen Antrag stellen, der von der Priorin bis nach Rom geht und vom Vatikan bewilligt werden muss. Danach wären sie noch längere Zeit an die Gelübde gebunden, würden aber bereits außerhalb des Konvents leben.

Theoretisch ist also auch ein Versprechen für die Ewigkeit wieder rückgängig zu machen, praktisch passiert es so gut wie nie. In der Welt, in der diese Frauen leben, ist solch ein Bruch mit der Gemeinschaft und mit Gott nahezu undenkbar. So wie das Zurückkehren in ein Zuhause, das es vielleicht gar nicht mehr gibt oder das so fremd geworden ist wie alles andere dort draußen.

Schwester Annas Endprofess liegt beinahe eine Ewigkeit zurück, 1968 legte sie ihr letztes Versprechen ab. Ihre Zeit im Kloster, die Suche nach innerer Heilung durch Gott, riss auch viele Wunden in ihr auf. Einsam war sie oft, auch der Besuch wurde mit den Jahren seltener. Ihr Bruder, der sie damals auf dem Motorrad mitnahm, hat ihr nie richtig verziehen, dass sie einfach in den Bus gestiegen und nicht mehr zurückgekommen ist. Im Jahr 2002 ist er gestorben, die Mutter 1994. Die Begräbnisse durfte sie nicht besuchen.

An die Motorradfahrt ins Tal nach der letzten Nacht im Elternhaus aber erinnert sich Schwester Anna noch genau. »Ganz fest habe ich mich beim Bruder angehalten, die Hände um seinen Bauch geschlungen. Und dieser Wind, der mir durch die Haare wehte.« Seither habe sie schon manchmal ans Gehen gedacht und sich gewünscht, sie hätte sich noch einmal umgedreht, damals, an der Haltestelle. Aber sie hatte sich entschieden. »Und so ist das nun einmal: Die Schwere muss jeder im Leben tragen. Bis zum letzten, äußersten Rande.« Als sie das sagt, verändert sich ihr Gesicht, verschwindet das Kindliche zwischen den Falten, und die Augen werden glasig.

Draußen ist es dämmrig geworden, Schwester Anna muss sich auf den Weg machen. Bald ist Abendmesse, und heute läutet sie die Kirchenglocken. Bevor sie hinter dem Gitterfenster verschwindet, dreht sie sich noch einmal um und blickt kurz zurück. »Ich komme wieder, dann reden wir weiter«, sage ich zum Abschied. Aber es sollte unser einziges Gespräch werden, unser erstes und letztes.

Ein paar Monate später, eine Woche vor Weihnachten, erfahre ich, dass Schwester Anna einen epileptischen Anfall erlitten hat, nachts in der Zelle. Niemand hat es bemerkt. Entdeckt wurde es erst drei Tage später, als ihr beim Essen der Löffel aus der Hand fiel. Bald verlor sie jegliche Motorik, dann das Bewusstsein, und wurde ins Krankenhaus gebracht, Intensivstation. Nach einigen Tagen wachte sie auf und kam, als sie kräftig genug war, zurück ins Kloster. So, wie sie es wollte. Hier ist ihr Zuhause. Seither wird sie im Karmel von den Schwestern gepflegt. Sie sei zu schwach, um noch die heilige Messe zu besuchen, könne kaum essen, kaum sprechen, sagt die Priorin. Wenn es notwendig sei, komme ein Arzt zu ihr. Doch solange sie nicht aufstehen kann, kann sie außer den Ordensleuten keiner sehen, niemand ihre Hand berühren. Weil Menschen von außen nicht nach innen dürfen, in das Kloster mitten in Graz. Rosa Hofer aber wird nie wieder aufstehen. Und ihre Familie sie nie wieder sehen.

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Ein Kommentar

  1. […] Porträt einer Frau, die in den 1960er Jahren der Welt entsagte und die Gelübde des Ordens der Unbeschuhten Karmelitinnen ablegte. Ohne “Sister-Act”-Romantik geschrieben und deshalb umso berührender: Der Himmel auf Erden. […]

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