Durch die blaue Mark

Mit Mario Kunasek will die FPÖ bei der Landtagswahl die Steiermark erobern. Sein Problem: Es kennt ihn keiner. Zwei Tage mit dem blauen Spitzenkandidaten auf Ochsentour durch die Provinz.

Erschienen am 01.05.2015 im Monatsmagazin DATUM.

Am Ende des Tages landet Mario Kunasek in der Zelle. Die Eisenstäbe sind fünf Zentimeter dick, hellgrau gestrichen, der Lack glänzt im Licht. Auf Kniehöhe ziehen sich dünne schwarze Streifen die Stangen entlang. Es ist der Gummi, der sich von Schuhsohlen wetzt, wenn Gefangene gegen das Metall treten. Manche, sagt Polizeiinspektor Herbert Auer, würden hier drinnen ausrasten.

Als vor drei Stunden die Sonne hinter dem Dachsteingebirge unterging, saß der Nationalratsabgeordnete Kunasek noch bei Bier und belegten Brötchen am Esstisch eines Parteifreundes. Jetzt, um 22.30 Uhr, zündet er sich im dumpfen Licht der Glühbirne in der Zelle der Polizeiinspektion Schladming die nächste Camel light an. Neben ihm in der stahlgrauen Klomuschel schwimmen fünf Zigarettenstummel, die Arme hält er über dem Bauch verschränkt, sein Blick ist müde. Dieser Donnerstag, 9. April, war ein langer. Begonnen hat er 13 Stunden zuvor und 128 Straßenkilometer weiter östlich in Leoben.

Mario Kunasek, 38 Jahre alt, sitzt seit 2008 im Nationalrat. In ein paar Monaten wird er sein Mandat zurücklegen. Um politisch heimzukehren. Dorthin, wo er am 29. Juni 1976 geboren wurde und aufgewachsen ist: in die Steiermark. Ende März wählten die Steirer ihre Gemeinderäte, am 31. Mai sollen sie bei der Landtagswahl erneut ihre Stimme abgeben. Und Kunasek buhlt um sie. Bei der Wahl 2010 war er noch im Hintergrund, fünf Jahre später steht er an der Spitze der Landes-FPÖ. Mit ihr will er Geschichte schreiben und das historisch beste Wahlergebnis einfahren. Das Problem ist nur: Keiner kennt ihn.

Der Arkadenhof am Hauptplatz von ­Leoben ist einer jener Gasthöfe, wo über den Esstischen noch Jesus am Kreuz an die Wand genagelt ist. Über den Köpfen thronen Hirschgeweihe, Landeswappen und Bilder mit Hähnen darauf, gerahmt in dickes Gold. Rechts im großen Saal an der Schenke stehen sechs junge Männer, allesamt Parteifunktionäre, und in ihrer Mitte: Mario Kunasek. Er bestellt noch einen Espresso, eine schnelle Zigarette, es ist 10.20 Uhr, in zehn Minuten soll die Pressekonferenz beginnen. Und mit ihr eine zweitägige Tour quer durch die Obersteiermark.

Der richtige Wahlkampf geht erst in vier Wochen los, sagt Kunasek, wenn dann auch Bundesparteichef Heinz-Christian Strache in die Steiermark kommt. »Jetzt befinden wir uns im Vorwahlkampf.« Und Vorwahlkampf bedeutet: die eigenen Kräfte mobilisieren, das Aufrüsten vor der Schlacht. In den nächsten 36 Stunden wird er mit seinen engsten Parteikollegen 440 Kilometer mit dem Auto zurücklegen, sie werden Journalisten treffen, Funktionäre und Freunde der FPÖ. Dabei wird es um die vergangenen Wahlen und die bevorstehenden gehen, sie werden über Strategien reden und »Angriffe« planen. Und hin und wieder – zwischen Händeschütteln und Kuchenessen – werden sie kurz verschwinden. In eines dieser Hinterzimmer, dorthin, wo man Deals aushandelt.

Die Route wird von Leoben nach Liezen und über Bad Mitterndorf nach Schladming führen, zurück nach Gröbming, Aigen im Ennstal, Lassing, Bruck an der Mur und Graz. Es wird eine Tour entlang verschneiter Bergspitzen und saftiger Wiesen werden, vor allem aber: eine Reise ins Blaue. In das Innere der steirischen FPÖ.

An der rechten Hand trägt Kunasek einen silbernen Ring mit schwarzem Stein und Adler darauf. »Mein Talisman«, sagt er. Es ist der Ring, den die Absolventen der Mili­tärakademie Enns zum Abschluss erhalten, seit dem Jahr 1997 hat er ihn kein einziges Mal abgenommen. Die Presse­konferenz findet im Arkadenhof in einem engen Raum mit gewölbter Decke statt, ein FPÖ-Wahlplakat ist in die Ecke gedrängt und wirkt für den Raum drei Nummern zu groß. Am oberen Ende des Tisches sitzen Wahlkampf­leiter Stefan Hermann, Landtagsklubobmann Hannes Amesbauer und der stellver­tretende Leobner Bezirksobmann Marco Triller, daneben Mario Kunasek. Er präsentiert die beiden an diesem Tag als Spitzenkandidaten im Wahlkreis Obersteiermark, gemeinsam mit den Wahlkampfthemen. Und das sind »die bekannten heißen Eisen: Asyl, Massenzuwanderung, Sicherheit, Islamisierung«. Damit wolle man nach der historisch erfolgreichsten Gemeinderatswahl – die FPÖ schaffte 13,8 Prozent und konnte ihre Mandate fast verdoppeln – das auch bei der Landtagswahl erreichen und die Marke von 17,4 Prozent übertreffen. Die Chancen stehen nicht schlecht.

Die FPÖ ist in der Steiermark so stark wie selten zuvor. Bei der Nationalratswahl 2013 wurde sie hier mit 24 Prozent stimmenstärkste Partei (die SPÖ kam auf 23,8, die ÖVP auf 20,9 Prozent), auch in aktuellen Umfragen liegt sie in diesem Bereich. Die »Reformpartnerschaft« von Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) und seinem Stellvertreter Hermann Schützenhöfer (ÖVP) ist nicht unumstritten, die Gemeindefusionen haben bei vielen Steirern Unmut ausgelöst. Genau damit hofft Kunasek mit der FPÖ zu punkten und hat auch schon den passenden Wahlslogan dazu: »Das rot-schwarze Drüberfahren der Reformzwillinge muss beendet werden.« Nach 15 Minuten ist auch die Pressekonferenz schon wieder vorbei. »Danke für das zahlreiche Erscheinen«, sagt Hannes Amesbauer in einer Lautstärke, als wären die Leute tatsächlich zahlreich erschienen. Am Tisch sitzen vier Journalisten und ein Fotograf.

Die Bestmarke, die Mario Kunasek übertreffen will, hat die FPÖ im Jahr 1995 aufgestellt, da beendete Kunasek gerade seinen Präsenzdienst. Der gelernte Kfz-Techniker blieb danach beim Heer und machte die Ausbildung zum Unteroffizier in Wien und Enns, seit 2005 ist er Stabsunteroffizier. Das Bundesheer war auch die Zeit, sagt er, wo er begonnen hat, sich für Politik zu interessieren, er, der in der Triestersiedlung in Graz ganz unpolitisch aufgewachsen war. »Ich habe dort gemerkt, dass es bei Postenvergaben hilfreich ist, wenn man ein bestimmtes Parteibuch hat.« Im Jahr 2004 wurde er FP-Personalvertreter im Bundesheer, und dann ging es ganz schnell: Er kam in den Parteivorstand des Bezirks, 2005 in den der Landespartei, seit 2007 ist er Landesparteisekretär und engster Mitarbeiter des steirischen FPÖ-Chefs Gerhard Kurzmann. Der ist es auch, der Kunasek als Spitzenkandidaten vorgeschlagen hat, er gilt als dessen Förderer, vergangenes Jahr nannte er ihn seinen »idealen Nachfolger« in der Landesparteiführung. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass Mario Kunasek das Amt im Herbst auch tatsächlich übernehmen wird.

Vor dem Interview beim regionalen Radiosender Grün-Weiß gegenüber dem Arkadenhof sammeln sie sich noch einmal vor der Schenke, all die jungen Männer, die beim Reden wie altgediente Parteifunktionäre klingen. Und das sind sie eigentlich auch. Was sie miteinander verbindet, ist ihr Einstieg in die Politik: Alle sind sie wie Kunasek über den Ring Freiheitlicher Jugend in die Partei gekommen. Der RJF Steiermark zählt zu den mitgliederstärksten in Österreich mit dem intensivsten Vereinsleben. Der freiheitliche Jugendverband gilt aber auch als Keimzelle des Rechtsextremismus. »Schwarze Schafe gibt es immer«, sagt Marco Triller, »aber die haben bei uns keinen Platz und werden ausgeschlossen.« In der FPÖ müsse man sich von unten nach oben arbeiten, sagt Kunasek, sich zuerst auf regionaler Ebene beweisen und zeigen, dass man die Parteilinie mittragen kann. »Bei uns gibt es keine politischen Quereinsteiger, und der RFJ ist unsere Kaderschmiede.«

In großen Schritten geht Kunasek über den Hauptplatz, lächelt breit und grüßt jeden, der seinen Weg kreuzt. Hinter ihm die Traube Parteifunktionäre. In der Sonne schimmern seine Haare silbern und sind im Seitenscheitel nach rechts gegelt. Er trägt braune Anzugschuhe (blaue Schuhbänder), blaue Jeans (ausgewaschen), weißes Hemd (oberster Knopf offen) und ein blaues Sakko (eng und kurz). Links am Kragen steckt das steirische Tierwappen, ein Panther, in Blau. Bei Amesbauer sind die Jeans vielleicht etwas dünkler, bei Wahlkampfleiter Hermann das Sakko etwas weiter, beim anderen das Hemd blauer. Im Grunde aber hat hier jeder das Gleiche an. Es ist die Uniform der jungen FPÖ.

Der Grün-Weiß-Moderator fragt Kunasek vor dem Interview, worüber er reden will – und genau darüber reden sie dann auch. Mario Kunasek ist ein guter Redner. Bloß zum Schluss, als er einen Wahlaufruf für den 31. Mai einsprechen soll, verspricht er sich zweimal. »Das passiert mir, wenn ich zu viel nachdenke.« Früher habe er sich vor Presseterminen mehr gescheut, heute ist das nicht mehr so. »Ein Politiker ist eine Mischung aus Werber und Staubsaugervertreter«, sagt er.

Das gesamte FPÖ-Team wartet nach dem Interview im Foyer, der Lift fährt in den dritten Stock, und als die Glastüren aufgehen, tritt Landesrat Kurzmann staatsmännisch in den Raum. Der Auftritt passt zu ihm. Der 61-Jährige trägt einen Steireranzug mit traditioneller Krawatte, er ist seit mehr als drei Jahrzehnten in der Politik. Der promovierte Historiker ist keiner, der Parolen schreit, spricht immer ruhig und überlegt. Wer aber diese Runde beobachtet, merkt sofort: Er ist hier der Chef.

13 Uhr, Mittagessen im Arkadenhof (wieder derselbe Raum wie bei der Pressekonferenz). Bei der Essensauswahl tritt die Partei geschlossen auf: Grillteller mal fünf. Nur Kurzmann nimmt die gebackene Scholle, und Amesbauer hat sich nach langem Hin und Her – er hätte sich »fast nicht drübergetraut«, weil er sich dabei immer anpatze – doch für die Spaghetti entschieden. Beim Essen scrollt ­Kunasek ständig auf dem Smartphone, checkt seine Mails, und als ihm sein Grafiker endlich den neuen Comic schickt, lacht er laut auf. Kunasek hat nämlich seinen eigenen. Am Freitag veröffentlicht er ihn auf seiner Facebook-Fanseite, er spielt darin einen fliegenden Helden. Sein Name: Supermario. Sein Auftrag: die Rettung der Steiermark. Der Feind: Franz Voves und Hermann Schützenhöfer. Voves ist König im Pelzmantel, lebt im Überfluss und interessiert sich nicht für sein Volk, Schützenhöfer sitzt mit Narrenkappe daneben. »Sein Beiwagerl«, sagt ­Kunasek und lacht.

Anfang April schlugen SPÖ, ÖVP und Grüne ein Fairnessabkommen für den Landtagswahlkampf vor: kein Dirty Campaigning, kein Schlechtmachen des politischen Gegners. »Das«, sagt Kunasek, »konnten wir natürlich nicht unterschreiben.« Hier am Tisch hat man dafür nur ein Lachen übrig. Dirty Campaigning ist das, was die FPÖ unter einem Wahlkampf versteht. »Jetzt plakatiert die SPÖ eh mit der Hypo gegen uns«, sagt Kurzmann. Darüber ärgert sich hier aber niemand, ganz im Gegenteil: Es freut sie. Wer angegriffen wird, bekommt Aufmerksam­keit. »2010, als Voves und Schützenhöfer noch auf Konfron­tation waren, waren wir plötzlich kein Thema mehr«, sagt Kunasek. Heuer dagegen laute das Match so oder so: Blau gegen Rot. »Wenn wir Stimmen gewinnen, dann von der SPÖ«, sagt Kurzmann. »Blau frisst Rot.«

Am Esstisch trennen sich die Wege, Triller bleibt, genauso Amesbauer (dem die Spaghettisauce dann doch zu scharf war, sodass er nach der Hälfte hustend und mit hochrotem Kopf aufgeben musste). Der Rest fährt weiter, Kurzmann immer voraus in einem silbernen 6er-BMW mit Chauffeur. Dahinter das mit Werbung vollgeklebte Wahlkampfauto. Am Steuer sitzt Manuel Fleck, 23 Jahre alt und parlamentarischer Mitarbeiter von Kunasek. Er begleitet den Chef fast rund um die Uhr, auch auf dieser Tour folgt er ihm wie ein Schatten. Auf dem Beifahrersitz sitzt Kunasek mit iPhone, hinten links Wahlkampfleiter ­Hermann mit iPad, im Hintergrund läuft Lana Del Rey mit »Video Games«. Stefan Hermann, Kunaseks engster politischer Wegbegleiter, brieft ihn im Auto vor jedem Termin. Nach einem kurzen Halt bei der Bezirkszeitung Die Woche in Liezen geht es Richtung Bad Mitterndorf. Und nach einigen Minuten fällt auf: schon wieder Lana Del Rey. Diese Dreiertruppe ist täglich Stunden mit dem Auto unterwegs, und dabei hören sie immer die vier gleichen Lieder: »Video Games«, »My Life Is a Party« der Italo­brothers und zwei Songs vom »Fluch der Karibik«-Soundtrack. Immer wieder, immer wieder.

Es ist 17 Uhr, und von nun an steht nur noch Polizei auf dem Programm. Die ist der FPÖ wichtig, sie zählt zum Wahlkampfthema Sicherheit. In der Polizeiinspektion Bad Mitterndorf treffen sie die FP-Personalvertreter, man kennt einander gut. Auf dem Tisch warten bereits Kaffee und Rosinenkuchen, und es gibt Energydrinks, die mit FPÖ-Stickern überklebt sind. Kunasek steht auf dem Balkon neben dem Aufenthaltsraum, raucht und blickt hinein in den Ortskern, darüber thront der verschneite Grimming. Bad Mitterndorf ist die Heimatgemeinde von Conchita Wurst. »Die Lieder sind ja gar nicht so schlecht«, sagt Kunasek, »aber das Lebensmodell, das damit vermittelt wird, lehne ich ab.« Er halte es da ganz traditionell: Mann, Frau – am besten Ehefrau –, Kinder. Dann verschwindet er kurz mit einem Personalvertreter in ein Nebenzimmer (»strategische Wahlkampfbesprechung«), und später, als sie um den Tisch sitzen, klagen sie über die schlechte Situation von Polizisten; es gebe viel zu wenige, dabei werde das Land immer unsicherer. Und die Gründe dafür, sagt Kunasek, »sind Massenzuwanderung und Islamisierung«.

Das Bemerkenswerte an Kunasek ist, dass er an all diesen Stationen immer wieder dieselben Sätze einwirft, aber sie so erzählt, als tue er es zum ersten Mal. Botschaften transportieren, wie das in der Politik heißt – oder, wie Kunasek selbst es nennt: Sachen runterspielen –, kann er.

Unter Kunasek würde zwar »ganz sicher keine Moschee gebaut werden, weil das ein Machtsymbol des Islam ist«, ein »Moschee baba«-Spiel werde es in diesem Wahlkampf aber nicht geben. Gerhard Kurzmann, damals Spitzenkandidat der FPÖ, hatte das im Jahr 2010 getan. In dem Online-Spiel konnte man Moscheen und Muezzine »wegklicken« – »abschießen« nannten es Kritiker. Er stand danach wegen Verhetzung vor Gericht, schlussendlich wurde er freigesprochen. »Sicher, es war geschmacklos«, sagt Hermann. »Aber das war einfach Wahlkampftaktik. Ohne das ›Moschee baba‹-Spiel hätten wir niemals zehn Prozent gemacht.«

Damals, sagt Kunasek, waren sie in einer ganz anderen Situation als heute. 2010 kämpfte die FPÖ um den Wiedereinzug in den Landtag, »nach dieser Katastrophe 2005«, wie Kurzmann es nennt. »Ka-tas-tro-phe«, wiederholt Hermann, und Kunasek ergänzt: »Ja, eine Katastrophe war das.« (An den beiden Tagen wird keiner dieser FPÖ-Politiker jemals das Jahr erwähnen, ohne das Wort »Katastrophe« hinzuzufügen.) Die steirische Land­tagswahl im Oktober 2005 war österreichweit die erste seit der Spaltung von FPÖ und BZÖ, neben Wien hatte sich auch der freiheitliche Landtagsklub in der Steiermark geteilt, fünf der sieben Abgeordneten bekannten sich zur neuen Haider-Partei. Bei der Wahl schaffte keiner der beiden verbliebenen FPÖ-Leute den Einzug in den Landtag. Die Partei lag auf dem Boden, »es gab kein Geld und Personal«, sagt Hermann. Für die steirische FPÖ war das damals, ja, eine Katastrophe. (Die Situation mag anders sein, die FPÖ ist es nicht: Zwei Wochen später taucht das Cover ihres Parteimagazins »Wir Steirer« auf; es zeigt einen vermummten Jugendlichen mit Waffe vor ein steirisches Dorf gephotoshoppt, darunter die Zeile: »Steirische Asylheime: Jede Woche ein Polizeieinsatz)

Um 18.30 Uhr brechen sie nach Schladming auf, es ist die letzte Station an diesem Tag. In die Schladminger Polizeiinspektion begleitet sie Herbert Auer, er ist dort Personalvertreter und »ein freiheitliches Urgestein«. Zuvor hat er die FPÖ-Truppe in sein Haus nur ein paar Gehminuten entfernt eingeladen. Er hat das Bier an den Tisch gebracht, seine Frau servierte belegte Brötchen. Jetzt sitzen Kurzmann, Kunasek, Hermann und Fleck bei den vier Polizisten um den langen Holztisch im Aufenthaltsraum. Während Kurzmann von einem mysteriösen Mordfall aus »Akte X« erzählt, wird Kunasek von Polizeiinspektor Auer zum Rauchen in die Zelle verwiesen. Und da steht er nun neben der Klomuschel und zieht an seiner Zigarette. »Eigentlich ist es eh ganz schön hier«, sagt er. Bis auf die schwarzen Streifen, sagt Auer, sehe sie wie neu aus. Es ist das Raucherzimmer der Polizisten (wenn gerade keiner eingesperrt ist).

Als sie aus der Zelle zurück sind, ist Auer ständig damit beschäftigt, seine Gäste zu verköstigen, bringt Salzstangen, Kekse und viele Flaschen Schladminger an den Tisch. Ein gutes Bier, sagt Kunasek, im Gegensatz zum Ottakringer, »das kannst du einfach nicht trinken«. Nach Jahren habe er es geschafft – und darauf ist er sichtlich stolz –, das steirische Puntigamer im Parlament einzuführen. »Das war wahrscheinlich meine größte Leistung als Parlamentarier«, sagt er und lacht.

Kunasek ist Obmann des Landesverteidigungsaus­schusses und Wehrsprecher des freiheitlichen Parlaments­klubs. Im Nationalrat hat er außerdem den Job des Ordners – »Das ist mühsam, du musst immer den Leuten nach­rennen und schauen, dass sie dableiben« – und sitzt direkt hinter Strache. Besonders eng ist ihr Kontakt trotzdem nicht. »Unser Verhältnis ist kameradschaftlich, aber wir telefonieren jetzt nicht jeden Tag miteinander.« Aber Strache vermittle das Bild eines Politikers, wie er sich das vorstellt.

Das Wichtigste sei, sagt Kunasek, dass man als Politiker auf Menschen zugeht, ehrlich ist und Vertrauen schafft. Und Kurzmann, der daneben sitzt: »Die Menschen wählen die Hoffnung.« Journalisten müssten auch für dieses Vertrauen kämpfen, sagt Kunasek. »Kritischer Journalismus ist wichtig, aber viele sind eben nicht objektiv.« Andererseits, sagt Kurzmann, »je unfairer wir behandelt werden, umso besser«. Wenn ihre Klientel das Gefühl habe, dass der Spitzenkandidat in Interviews unfair behandelt wird, »dann hat das eine unglaubliche innerparteiliche Mobilisierung zur Folge, und nicht nur da, auch bei den Wählern«. Da entstehe dann ein Solidaritätseffekt, sagt Kunasek.

Um 23.30 Uhr verabschieden sich die Politiker von den Polizisten, draußen ist es frisch geworden. Das Hotel ist nur ein paar Gehminuten entfernt, unterwegs halten sie nach einem Lokal Ausschau. Damals, erzählt Hermann, als sie noch gemeinsam in Wien waren, seien sie nach der Parlamentssitzung oft bis 4 Uhr ausgegangen. »Aber so lange geht das heute nicht mehr, der Mario ist jetzt in einer anderen Position.« Auch diese Nacht endet mit nur zwei Gläsern Bier in der Hotelbar, um 0.30 Uhr gehen sie aufs Zimmer.

Bereits um 7.30 Uhr strahlt die Sonne durch die Fenster im Frühstücksraum. Mario Kunasek kommt als Letzter an den Tisch, neben dem Schinken-Käse-Sandwich durchsucht er die Zeitungen nach Beiträgen über ihn, die FPÖ und die Steiermark. Er hat das Hemd gewechselt auf sein liebstes: Es ist blau-weiß kariert, und links am Bauch hat die Parlamentsschneiderin seine Initialen eingestickt. Nach dem Frühstück ist Abreise, während Kunasek noch schnell ein Selfie mit der Schladminger Planai macht, packt Manuel Fleck die Taschen in den Kofferraum. »Unser Arbeitsverhältnis ist sehr freundschaftlich«, sagt er, »aber der Mario ist auch konsequent. Pünktlich sein ist ganz wichtig. Also, du merkst schon, dass er vom Bundesheer kommt.«

Im Auto öffnet Wahlkampfleiter Hermann den Kalender auf dem iPad: 8:30, Betriebsbesichtigung der Druckerei Wallig und Pressetermin »Der Ennstaler«. Hauptplatz 36, 8962 Gröbming. Entfernung vom Hotel »Die Barbara«: 17,8 Kilometer. Fahrzeit: 16 Minuten. Zweimal Lana Del Rey, einmal Italobrothers, einmal »Fluch der Karibik«.

In die Druckerei gelangt man nur über die kleine Buch- und Papierhandlung Wallig, der Inhaber Franz Wallig ist zugleich Herausgeber des Ennstaler, das Blatt beschreibt sich selbst als »unabhängige Wochenzeitung«. Es riecht streng nach Chemikalien, sie gehen im Schnellschritt durch die Halle, an den Maschinen und Paletten vorbei, Kurzmann klopft auf einen Papierstapel, dann klopft Kunasek auf einen Papierstapel (das war die Betriebsbesichtigung), und nach 45 Sekunden erreichen sie das Büro des Chefredakteurs Joachim Lindner. Das sieht wie die Betriebshalle davor aus, nur viel kleiner und mit mehr Büromaterial. An den hohen Wänden hängen Titelblätter des Ennstaler und ein Schal des FC Bayern München. Im Raum wartet bereits Franz Wallig, Kurzmann, Kunasek, Hermann und Fleck setzen sich im Halbkreis neben ihn, Lindner kommt in ein paar Minuten nach. Er entschuldigt sich für die Verspätung, er hatte noch einen Fototermin, sagt er, dann plaudern sie kurz über das Wetter, die eigenen Befindlichkeiten, sie wirken vertraut. Und schnell wird klar: Um ein Interview geht es hier nicht.

»Ich kann mir auch nicht erklären, warum ihr bei uns nicht mehr Stimmen habt«, sagt Lindner. »Ich habe euch eh unterstützt. Die Bürgerliste und euch.« Lindner gibt Kunasek eine aktuelle Ausgabe des Ennstaler in die Hand, er solle den Leitartikel lesen, der würde ihm sicher gefallen. Später wird Kunasek dazu sagen: »Der hätte von uns sein können.«

Gemeinderatswahlen seien Persönlichkeitswahlen, sagt Kunasek, aber jetzt würden die Karten neu gemischt. »Meine Unterstützung habt ihr«, sagt Lindner. Das Problem sei nur, dass ihn hier niemand kenne. Kunasek weiß das. Und das hätten SPÖ und ÖVP auch gewusst, das spiele ihnen in die Hände, sagt er. »Das ist natürlich auch ein Grund, warum man früher wählt: Ja dem Kunasek nicht die Möglichkeit geben, dass der bekannt wird.« Bei Kurzmann sei das anders, den würden die Leute hier kennen. Lindner erklärt, dass sie in der Region 78.000 Einwohner hätten und an die 40.000 Leser. »Also, wenn du einen Bekanntheitsgrad machst, dann nur mit dieser Zeitung«, sagt er. »Da nimmst ein bissl ein Geld in die Hand, und die G’schicht hat sich. Und uns ist es wurscht, das Geld hat kein Mascherl. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« Und die besten Plätze habe er jetzt noch. »Ja, das sollten wir uns wirklich anschauen«, sagt Kunasek, »das stimmt schon.«

Er sei auch in einer schwierigen Situation gewesen, erzählt Kunasek, in der Landespolitik gibt es die Ressorts und den Klub. Klubobmann ist Hannes Amesbauer, Landesrat Gerhard Kurzmann, und er sei dagestanden. »Ja, ich habe meine Bundesheerthemen spielen können. Aber da bringt dich halt auch keine Zeitung.« Und jetzt, wo die Zeit so kurz sei, »kannst du es in Wahrheit nur mit PR machen«. Lindner sagt: »So ist es.«

»Wobei die Wahlentscheidung bei den Wählern in den letzten vier Wochen getroffen wird«, sagt Landesrat Kurzmann. »Wenn du zu früh hineinstartest, ist es auch nicht geschickt.« Und außerdem, sagt Kunasek, könnten sie jetzt auch nicht »zwei Monate die volle Maschinerie fahren«. Das sei auch ihm klar, sagt Lindner, aber die Leute würden ihn immer fragen: Wer ist der Kunasek? »Ich empfehle halt …« – und dann tippt er mit den Fingern auf die aktuelle Ausgabe des Ennstaler vor ihm. »Natürlich kostet es ein wenig Geld«, sagt Lindner nochmals, »da brauchen wir auch nicht herumreden, aber ich kann es euch nur nahelegen.« Kurzmann nickt, »ja«, sagt er. »Und bei uns«, sagt Herausgeber Wallig, »ist sicher ein Grundklientel von 30 Prozent da jedenfalls.«

»Grundsätzlich ist es uns wurscht, wählen wir halt im Mai«, sagt Kunasek. Aber sie hätten schon noch Zeit gebraucht, um ein paar Themen zu transportieren. »Ich kann mich hinsetzen und die Landesthemen präsentieren – die Gemeindefusionen oder die Umweltzone in Graz –, aber das Regionale, das müssen die Regionalen machen.« Kurzmann stimmt ihm zu, »das muss der Albert machen«. Albert Royer ist FPÖ-Bezirksobmann in Liezen und steht im Wahl­kreis Obersteiermark auf Listenplatz drei hinter Amesbauer und Triller. Da müsse »etwas Griffiges her«, sagt Lindner, drei, vier Sachen. »Ja, drei, vier Sachen brauchst du, mehr brauchst du nicht«, sagt Kunasek und fragt Lindner: »Was ist denn ein Thema bei euch?« Der Chefredakteur kann hier einiges aufzählen: die Überalterung des Bezirks, wirtschaftliche und touristische Probleme, »und wir haben ein Milchproblem mit der Quote, die jetzt ab 1. April abgeschafft wurde, auch im Käsebereich gibt es Einbußen«. Kunasek und Kurzmann wundern sich, warum hier von Albert Royer nichts komme, das wäre doch ein glaubhaftes Thema für ihn, »und da müsste er eh fix sein«, sagt Kunasek, »der Albert ist ja Milchbauer«.

Kunasek fragt Lindner noch: »Du, kannst du den Albert nicht anrufen, wenn dir ein Thema für uns einfällt, das er spielen kann?« Eigentlich müsste der nur ihre Zeitung lesen, sagt Lindner, »aber ja, das kann ich machen«. Kunasek bedankt sich bei den Herren vom Ennstaler, »echt gut, dass wir da waren«. – »Sag ich doch«, antwortet Lindner und schmunzelt. Und sagt zum Abschied noch einmal: »Meine Unterstützung ist euch sicher.«

Dann gehen sie im Gänsemarsch, angeführt von Kunasek, zurück durch die Büros, die Druckerei, vorbei an den Papierstapeln, und als sie durch die Buchhandlung Wallig wieder nach draußen gelangen, brennt bereits die Mittagssonne auf den Asphalt. Hermann holt sein Smartphone aus der Hosentasche, checkt die nächsten Termine, Kunasek zündet sich eine Zigarette an und blättert durch den Ennstaler.

In der holzverkleideten Stube des Puttererseehofs in Aigen im Ennstal treffen sie nun ebendiesen Albert Royer gemeinsam mit anderen Bezirksvertretern und FPÖ-Gemeinderäten. Viele sitzen in steirischer Tracht um das bestickte Tischtuch, auch Royer, und der sieht niedergeschlagen aus. »Nach der Gemeinderatswahl konnte ich Tage nicht aus dem Bett aufstehen«, sagt er. In Mitterberg, wo Royer herkommt, konnte die Partei zwar von vier auf elf Prozent erhöhen, aber er hätte sich mehr erwartet. »Albert«, sagt Kunasek, »du brauchst drei, vier Sachen, und die musst du immer wieder runterspielen. Mehr brauchst du nicht.« Kunasek schlägt ihm das Käsethema vor, Royer findet dann aber doch das mit der Milch besser. Einig ist man sich in der Runde, dass man »den Kommunisten das Wohnungsthema nicht überlassen darf«, außerdem müsse man bei diesem lang geplanten Bauprojekt in der Region endlich irgendeine Aktion zeigen, damit die Leute sehen würden, dass es ein FPÖ-Verdienst war. »Ja«, sagt Kurzmann, »da machen wir vorm 31. Mai noch einen Spatenstich und laden die Presse ein.«

Ihr nächstes Ziel führt sie über eine schmale und steinige Straße hinauf auf einen kleinen Berg in Lassing. An der Ein­gangstür des großen Familienhauses hängt ein Schild: »Luna Katzen in Not«, eine Auffangstation für streunende Katzen. Es ist erstaunlich, wie emotional Kurzmann und Kunasek eine Stunde lang über die Lebenssituation von Katzen reden können. Wie gut es sei, dass es Menschen wie die Betreiber der Station gebe, die sich so fürsorglich um diese Katzen ohne Heimat kümmern, die ihnen einen Platz zum Leben geben. Wenn es um Katzen geht, hat die FPÖ offenbar ein anderes Asylverständnis als bei Menschen.

Weiter geht es mit Tieren, sie besuchen eine Greifvogelstation in Bruck an der Mur, beobachten interessiert die Uhus und Bussarde, auch ein Fuchs ist in einem der Gehege (der gefällt Kunasek besonders gut). Nach einer Stunde müssen sie zurück nach Graz, Kurzmann und Kunasek ­haben noch einen Termin mit einem Arzt im Landhaus – »eine wichtige Besprechung« –, danach muss der Landesrat eine Veranstaltung der Kakteenfreunde eröffnen. Um 17 Uhr fahren sie los, Kurzmann im ­silbernen BMW und Kunasek im »Wählt für Mario Kunasek«-Auto. Auf der Fahrt in die Landeshauptstadt wird er es mit der Musik wieder gleich halten wie bei den Wahlkampfthemen: drei, vier Sachen immer wieder runterspielen. Mehr brauchst du nicht

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