Am Anfang

Farhia Abullahi wurde in Somalia verfolgt. Drei Monate war sie auf der Flucht, bis sie Ende Juli in Österreich Sicherheit fand. Jetzt will sie ein neues Leben beginnen. Aber wie fängt man an in einem fremden Land, allein und mit nichts?

Erschienen am 1. 10. 2015 im Monatsmagazin DATUM.

 

Sie hatte viel vor im Leben. Wer Farhia Abullahi als Mädchen fragte, was sie einmal werden wollte, bekam immer dieselbe Antwort zu hören: die Präsidentin von Somalia. Die Leute lachten dann über das Kind und seine Träumereien, Farhia aber verzog nie eine Miene. Sie meinte es ernst.

Je älter sie wurde, desto weiter rückte Farhias Wunsch in die Ferne. Nie aber hörte sie auf, etwas für ihr Land und seine Menschen tun zu wollen. Inmitten des jahrzehntelang wütenden Bürgerkriegs und des Terrors islamistischer Gruppen kämpfte sie als Journalistin für die Rechte der Frauen und setzte sich ein für die Schwächsten, für die Verfolgten und Vertriebenen.

Am frühen Morgen des 11. April packte Farhia, gerade 27, eine Flasche Wasser, eine Packung Kekse und ein paar Dokumente in eine Tasche. Auch sie lebte seit Jahren in Todesangst. Denn sie half jenen, auf die es die islamistische Terrormiliz al-Shabaab abgesehen hatte. Und wurde damit selbst zum Ziel. Als die Morddrohungen immer häufiger wurden, sie nicht mehr wusste, wo sie sich verstecken sollte, und sich an jenem Tag im April diese seltene Chance auftat, ergriff sie sie. Sie begann ihre Reise ins Ungewisse, stieg in ein Flugzeug Richtung Türkei, ließ alles hinter sich und wurde selbst zu einer Frau auf der Flucht. Jetzt zählt sie zu denjenigen, die auf die Unterstützung anderer angewiesen sind. Jetzt braucht Farhia Abullahi Hilfe.

Fünf Monate später sitzt die junge Frau aus Mogadischu auf einem Eisenbett in einem Zimmer mit kahlen Wänden. Es liegt im ersten Stock eines Plattenbaus im 16. Bezirk von Wien. Farhia Abullahi ist nicht ihr richtiger Name. Sie hat ihn sich selbst gewählt, er soll sie schützen vor den Menschen, die unermüdlich auf der Suche nach ihr sind – sie wollen ihr nichts Gutes. Farhia aber will ihre Geschichte erzählen. Es ist ihre ganz persönliche. Und sie steht stellvertretend für tausende andere Frauen, die sich auf tödliche Wege wagen, um Krieg, Verfolgung und Not zu entkommen. Die überleben wollen – und eine Chance.

Seit sieben Wochen wohnt Farhia in Ottakring. Das Gebäude, ein ehemaliges Wohnheim für Pensionisten, wurde vor eineinhalb Jahren geschlossen, es ist etwas heruntergekommen und erfüllte die Standards nicht mehr. Bis zum Juli stand es leer. Dann holte die Stadt Wien hundert Flüchtlinge aus dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen hierher: Jugendliche, die ohne Eltern oder Vormund nach Österreich gekommen sind, Familien mit Kindern, Frauen, Farhia. Für diese Menschen aus Syrien, Afghanistan und Somalia ist es ein Zuhause auf Zeit. Alle haben um Asyl gebeten. Alle warten jetzt.

Wenn Farhia spricht, tanzen ihre Hände mit. Sagt sie »Oh Gott«, dann faltet sie sie zusammen und richtet ihren Blick gegen den Himmel. Sagt sie »Sie wollten mir die Kehle durchschneiden«, formt sie die rechte Hand zu einem Schwert und zieht sie quer über den Hals. Farhia sitzt mit verschränkten Beinen in der Mitte der Matratze, von Kopf bis Fuß mit fliederfarbenen Stoffen bedeckt. Die Kleidung sieht festlich aus. Und sie zehn Jahre jünger, als sie eigentlich ist. Ihr Körper ist zierlich, wirkt kindlich, zerbrechlich. Vor einigen Wochen überquerte er sechs Länder, zwei Kontinente, ein Meer.

»Ich weiß nicht, wie ich das erklären kann«, sagt sie. »Ich kenne keine Worte, die das beschreiben könnten. Es war zu schrecklich.« Der Weg nach Europa ist ein Todespfad. Für alle Flüchtlinge. Für Frauen ist er aber oft noch gefährlicher, noch schwieriger als für Männer. Viele berichten von sexuellem Missbrauch, von Ausbeutung und Gewalt. In den Lagern, die an Krisenländer grenzen, ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. In jenem im Bekaa-Tal im Libanon etwa leben mit einem Anteil von knapp 55 Prozent sogar mehr Frauen. Nach Europa aber werden häufig die Männer vorgeschickt in der Hoffnung, Frauen und Kinder später nachzuholen. Bis Juli wurden heuer rund 37.000 Asylanträge in Österreich gestellt, nur 21,5 Prozent davon kamen von weiblichen Flüchtlingen.

Es gibt ein paar Dinge, über die Farhia ungern spricht. Wie sie zum Beispiel zu dem Visum für die Einreise in die Türkei gekommen ist. Freunde, die schon im Land waren, hätten ihr geholfen, sagt sie. Mehr nicht. »Sie könnten sonst Probleme bekommen.« Aber auch sie wählte ab der Türkei jene Route, die die meisten nahmen, bevor die ungarische Regierung ihren Zaun zu Serbien fertigbaute und die Grenzen dichtmachte. In einem Schlauchboot fuhr sie über das Mittelmeer an die Küste von Lesbos, von Griechenland ging es nach Mazedonien, dann Serbien, Ungarn, am 21. Juli überquerte sie die Grenze zu Österreich. Insgesamt 7.000 Euro berechneten ihr die Schlepper, die ganze Familie legte zusammen. Ab Serbien ging sie zwei Wochen lang durch. In der Nacht hatte sie die meiste Angst. Es gab kein Essen, kaum Wasser. »Wir waren zwanzig in der Gruppe und teilten uns eine Flasche«, sagt sie. »Jeder durfte einmal nippen.« Farhia trug eine Stoffhose, T-Shirt und eine leichte Jacke. »Irgendwann habe ich sogar die Jacke weggeworfen, ich konnte sie nicht mehr auf den Schultern tragen.« Sie war am Ende ihrer Kräfte. Aber sie ging, immer weiter, immer die Gleise entlang. »Ich habe mich selbst beim Gehen gesehen, ich habe mich selbst im Boot sitzen gesehen, aber ich konnte nicht glauben, dass ich das bin.«

Das Erlebte kann sie auch jetzt noch nicht fassen. Als sie schon hier war, haben sie Freundinnen aus Somalia angerufen, auch sie sind geflüchtet. »Sie haben mir erzählt, dass sie auf dem Weg vergewaltigt wurden«, sagt sie. »Oh Gott, dachte ich. Da hatte ich ja eigentlich noch Glück.« Wo sie jetzt sind, weiß Farhia nicht. Wenn Menschen aus Somalia nach Europa fliehen, will der Großteil nach Deutschland oder Schweden. So wie die meisten, die in den vergangenen Wochen in Österreichs östlichen Grenzorten Nickelsdorf, Heiligenkreuz und Spielfeld angekommen sind. Tausende, die jeden Tag durchs Land reisen. Viele aber werden auch bleiben. Allein in Wien wurden unzählige Notunterkünfte geschaffen, die Stadt arbeitet eng mit Hilfsorganisationen wie der Caritas zusammen, insgesamt mit 14. Das Haus, in dem Farhia lebt, wird vom Arbeitersamariterbund betreut, auch hier wurden zusätzlich zu den hundert Plätzen in den vergangenen Wochen sechzig weitere Notbetten aufgestellt. Wie sich die Lage in den Krisenherden der Welt entwickeln wird, ist unverhersehbar. Dafür gebe es keinen großen Gesamtplan, sagt Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ). »Im Moment reagieren wir, wie es die Situation verlangt.« Rund 80.000 Asylanträge werden in Österreich bis Ende des Jahres erwartet. Farhia wollte nicht unbedingt hierher, sie wusste davor nichts von diesem Land. Es gab kein genaues Ziel. Was sie suchte, war Sicherheit. Die fand sie in Österreich. Und hier, am Ende ihrer Flucht, steht Farhia Abullahi am Anfang.

Wie beginnt man ein Leben in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, in dem man die Menschen und ihre Gewohnheiten nicht kennt, seine eigenen Rechte und Pflichten? Das einem vollkommen fremd ist? Ohne Familie, ohne Freunde, ohne Geld? Wo fängt man an?

»Ich schlafe, ich stehe auf, ich esse, ich schlafe«, sagt Farhia. Es ist die Beschreibung ihres Alltags. »Ich mache nichts.« Als Asylwerberin darf sie keiner Lohnarbeit nachgehen. Sie würde gerne Deutsch lernen, sagt sie, aber wartet immer noch auf einen Kursplatz. »Diejenigen, die schon volljährig sind, haben es da eigentlich schwerer als unbegleitete Minderjährige«, sagt Susanne Kritzer vom Arbeitersamariterbund. Während für Jugendliche neben der Grundversorgung auch Deutschkurse angeboten werden, müssen die anderen oft lange warten oder sind auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Wie alle hier. Die Betreuer, die durch das Haus schwirren, wirken müde und ausgelaugt. Ohne Spenden und die Freiwilligen wäre es nicht zu schaffen, sagt eine davon. Für 55 erwachsene Flüchtlinge steht ein Betreuer zur Verfügung, bei unbegleiteten Jugendlichen ist das Verhältnis eins zu zehn. Es fehlt an helfenden Händen und Dolmetschern. »Viele Menschen sprechen kein Englisch«, sagt Kritzer, »da ist es dann besonders schwer.«

Farhia teilt sich das Zimmer mit einer Frau aus Syrien, sie ist gerade im Aufenthaltsraum einen Stock tiefer. Farhia glaubt, dass sie sechzig ist, vielleicht auch ein bisschen älter. Sie weiß kaum etwas über sie. »Wir können nicht miteinander reden.« Die Somalierin versteht kein Arabisch, die Syrerin kein Englisch. Farhia rutscht von der Matratze, steht auf und gibt eine Führung durch das, was jetzt ihre ganze Welt ist: dieses Zimmer. 16 Quadratmeter. Außer den beiden Betten gibt es hier wenig. Ein kleiner Tisch steht an der Wand, darauf ein Topf, Medikamente, Gläser. Auf dem Fensterbrett eine Handcreme, ein rotes Heft. Farhia schiebt einen kleinen Koffer unter dem Bett hervor, darin bewahrt sie ihre paar Kleider auf, »den habe ich mir selbst gekauft«, sagt sie stolz. In der Ecke, auf dem Boden vor der Balkontür, liegt ein kleiner persischer Teppich. Darauf betet Farhia, fünfmal am Tag. »Außer ich habe die Periode«, sagt sie. »Da müssen Frauen das nicht.« Sie lehnt sich an die Bettkante und hat plötzlich ein schelmisches Lächeln auf dem Gesicht. »Aber die Männer müssen immer beten.« Dann fragt sie: »Wie oft betet ihr?«

Wenn Farhia nicht schläft, isst oder betet, denkt sie an ihre Familie. Sie hat einen Ehemann und zwei Kinder in Somalia zurückgelassen. Ihr Sohn ist sechs, ihre Tochter vier Jahre alt. Es ist schwer, diesen Schritt zu verstehen, Farhia aber versucht es zu erklären. Zu erklären, warum es für sie am Ende die beste aller Möglichkeiten war. Müsste sie die vergangenen neun Jahre mit einem Satz beschreiben, wäre es dieser: »Ich hatte Todesangst.«

Den ersten Anruf von Al-Shabaab-Angehörigen bekam sie im Jahr 2006, da war Farhia gerade 18 und hatte bei einem Radiosender der Regierung in ihrer Heimatstadt Mogadischu zu arbeiten begonnen. »Uns gefällt nicht, was du tust«, sagte die tiefe Männerstimme. Und Farhia wusste, dass dieser Satz eine Drohung war. Journalisten gelten neben Mitarbeitern von NGOs und Hilfsorganisationen als die am meisten durch al-Shabaab gefährdete Berufsgruppe. »Sie töten aber auch Hausfrauen, Arbeitslose, Kinder. Muslime wie sie. Niemand weiß genau, was sie wollen«, sagt Farhia. »Sie bringen einfach die Menschen um.« In den zwei Jahren, die sie bei dem Radiosender arbeitete, seien mehr als die Hälfte der Belegschaft ermordet worden. Direkt oder indirekt durch Bombenanschläge.

Auch sie erhielt immer häufiger Anrufe von Unbekannten: eine Todesdrohung nach der anderen. Farhia versteckte sich eine Zeit lang, irgendwann entschied sie aber, mit ihrem Leben, so gut es ging, weiterzumachen. Sie wollte ihren Kindern ein richtiges Leben bieten können. Eines, das besser war als ihr eigenes. Sie versuchte, gegen den Terror und die Missstände in ihrem Land anzukämpfen. Bis zu ihrer Flucht war sie Managerin bei einem internationalen humanitären Radiosender und arbeitete mit NGOs zusammen. »Da wurde es dann aber ganz schlimm.« Jeden Monat wechselte sie ihre Telefonnummer, alle paar Monate zog sie um. Manchmal schlief sie bei Freunden, manchmal bei Verwandten, manchmal mietete sie sich ein Hotelzimmer. »Al-Shabaab hat seit 2010 so viele meiner Kollegen umgebracht, Ende 2014 meinen besten Freund.« Die Organisation hatte den Mord an ihm zuvor bei ihr angekündigt. Ein paar Tage danach rief wieder jemand an: »Du bist die Nächste.« Farhia war gerade in der Arbeit, und sie wusste, dass es jetzt passieren würde. »Ich hatte keine Kraft mehr zu kämpfen«, sagt sie. »Ich ging nach Hause, legte mich in mein Bett und wartete auf meinen Tod.«

Seit ihrer Flucht rufen sie bei ihrer Mutter und ihrem Ehemann an, nun drohen sie ihnen. Und sie fragen nach ihr. Auch in diesem Zimmer in der Thaliastraße 157 hat die Todesangst nicht aufgehört. Farhia hofft, dass sie ihre Familie rasch nachholen kann. »Ich konnte meine beiden Kinder allein nicht mitnehmen, für meinen Mann reichte das Geld nicht.« Farhia sorgt sich auch um ihre anderen Familienmitglieder. Sie hat neun jüngere Geschwister, seit sie weg ist, gehen sie nicht mehr zur Schule. Sie war die Einzige, die dafür gekämpft hat. Und die das Schulgeld bezahlte. Nichts aber fiel ihr schwerer als der Abschied von ihren Kindern. An jenem Morgen im April, an dem sie ihre Tasche packte und zum Flughafen fuhr, habe sie sich gedacht: »Besser eine Mutter auf einem anderen Kontinent als eine tote Mutter.«

Die Umstände in ihrem Land haben Farhia in eine Rolle gedrängt, die sie niemals wollte. Sie möchte kein Opfer sein. Möchte stark sein, unabhängig. »Ich habe den Frauen in meinem Land immer gesagt: Geht zur Schule, macht eine Ausbildung, arbeitet. Dann könnt ihr euer Leben selbst regeln.« Die meisten aber würden zu Hause bleiben »und das machen, was ihre Männer sagen«. Mit ihrem Ehemann hatte sie Glück, sagt Farhia. »Er kennt meine Rechte, und ich kenne seine.« Er sei wie sie Journalist und gebildet. »Ich will studieren, wieder arbeiten«, sagt Farhia. »Und Steuern zahlen, wie ich es auch in meinem Land getan habe.« Es ist ein Satz, der wie eine Rechtfertigung klingt.

Bekommt Farhia Asyl, wird es ein langer Weg. Wenn Katerina Kratzmann von Integration spricht, spricht sie auch von »großen Herausforderungen«. Sie leitet das Österreich-Büro der Internationalen Organisation für Migration. Wenn sie mit ihrer Aufzählung fertig ist, werden diese Herausforderungen ziemlich alle Bereiche des täglichen Lebens umfassen. Ausbildung, Arbeit, Wohnen, das soziale Umfeld und das seelische Innenleben. All das ist bedeutend, um diesen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Und ein gutes Zusammenleben im Land. Um dem Entstehen von Randgesellschaften und Fundamentalismus vorzubeugen.

Die erste Hürde beginnt bei null: In vielen Bereichen gibt es keine Zahlen. Aufgrund der vielen Menschen, die gerade ankommen und durch Österreich reisen, kann man ohnehin nur von Schätzungen ausgehen. Keiner weiß, wie viele Flüchtlinge derzeit im Land sind. »Die Datenlage ist aber allgemein sehr schlecht«, sagt Kratzmann. Das Innenministerium spricht zum Beispiel von 55.000 Asylanträgen im Jahr 2014. »Dafür wurden aber einfach die letzten zehn Jahre zusammengezählt und daraus ein Schätzwert errechnet«, sagt Kratzmann. Und schiebt die nächste Frage nach: Wie viele Flüchtlinge sind im Sozialsystem? Auch dazu gibt es keine genauen Zahlen. »Das ist vielleicht nicht immer vorteilhaft für Flüchtlinge«, sagt Kratzmann, aber ohne Daten sei es unmöglich, die richtigen Maßnahmen zu setzen. Oder die Zukunftschancen von Farhia vorherzusagen – und sie positiv zu beeinflussen.

Was klar ist: Wenn Farhia hierbleiben kann, braucht sie eine Wohnung, und das, sagt Kratzmann, ist die nächste »riesige Herausforderung«. »Es gibt keinen leistbaren Wohnraum, in Wien zahlst du für eine Einzimmerwohnung 500 Euro.« Unter den anerkannten Flüchtlingen gebe es deshalb eine sehr starke versteckte Obdachlosigkeit. Menschen, die von einer Couch auf die nächste ziehen. Wie viele das sind, weiß niemand. Keine Zahlen. Was auch klar ist: Farhia wird Arbeit brauchen. Sie hat ein Diplom in Journalismus und zudem Public Administration studiert. Das Studium konnte sie nicht abschließen. »Viele Bildungsabschlüsse entsprechen auch nicht den Standards, die wir hier haben«, sagt Kratzmann. Darum freut sie sich über den kürzlich veranlassten »Kompetenzcheck«, den das AMS durchführt. »Wir müssen wissen, wie hoch der Bildungsstand dieser Menschen ist, damit wir auch hier richtig reagieren können.« Neben der grundsätzlichen Frage nach vorhandenen Arbeitsplätzen sei der Arbeitsmarkt auch ein sehr geschlossenes System. »Die Diskriminierung am Arbeitsplatz ist in Österreich sehr hoch«, sagt Kratzmann. »Das beginnt schon beim Nachnamen.« Und es sei besonders wichtig, Deutsch zu können – »dieser Bereich wird bereits ziemlich gut abgedeckt«. Es gehe aber auch um kulturelle Werte und die »richtigen« Umgangsformen.

Die Internationale Organisation für Migration bietet Kurse zur Wertevermittlung an, um den neu angekommenen Menschen Österreich näherzubringen. Davon gebe es aber auch noch zu wenige, sagt Kratzmann. Es gehe viel um Gleichberechtigung und die Rolle der Frau, aber auch um Geschichtliches bis hin zu Bundesländerwappen. »Viele möchten österreichische Freunde finden, aber sie wissen nicht, wie sie das machen sollen.« Es gebe Fragen, die bei den kleinsten Dingen beginnen: Worüber soll ich reden? Wann bringe ich ein Geschenk mit? Welches Geschenk ist das richtige?

Die medizinische Betreuung laufe grundsätzlich gut, sagt Kratzmann. Wenn jemand ein gebrochenes Bein oder die Grippe hat, wird er versorgt. Wofür es aber noch viel zu wenig Beachtung gebe, ist die Psyche. Die meisten Geflohenen sind traumatisiert. Sie haben Elend, Krieg, Flucht hinter sich. Hatten den Tod vor Augen und haben die schrecklichsten Dinge erlebt. »Ihren Seelen geht es nicht gut.«

Farhia hat jede Nacht Albträume, jeden Morgen wacht sie schweißgebadet auf und muss erkennen, dass das, was sie geträumt hat, Wirklichkeit ist. Farhia möchte endlich Frieden haben. Sie möchte in Österreich bleiben und hier mit ihrer Familie vereint sein. »Ich möchte einfach ein normales Leben.«

Zwei Tage später wird Farhia mit einem Deutschkurs beginnen können, sie wird sehr glücklich darüber sein. Und schon bald wird sie stolz ihre ersten Sätze sagen: »Ich heiße Farhia. Ich komme aus Mogadischu. Ich lebe in Wien.« Es ist ein Anfang.

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