Der Hass, der uns trennt

Brennende Asylheime, hetzerische Postings. An den Flüchtlingen entflammt sich der Hass der Massen. Driftet unsere Gesellschaft auseinander?

Erschienen am 01. 09. 2015 im Monatsmagazin DATUM.

Der Tag, an dem die Freundschaft von Peter und Hannah zerbrach, war ein Sonntag. Es war ein plötzliches Ende, hässlich und laut. Was sie trennte, war ein Gefühl, ein längst überwunden geglaubtes, das wir zu lange zu wenig ernst genommen haben: der Hass.

Die Welt hat davon nichts mitbekommen. Es gab keine Berichte darüber und keine Facebook-Postings. Bis auf eine Handvoll Menschen weiß niemand davon. Warum auch? Ob Peter und Hannah gemeinsame oder getrennte Wege gehen, hat keine Bedeutung für das Land. Wenn wir aber heute in den Zeitungen von einer gespaltenen Gesellschaft lesen, von einem Riss, der sich durch Österreich zieht, dann hat das auch etwas mit dieser zerbrochenen Freundschaft zu tun. Denn dieser Riss verläuft zwischen Peter und Hannah.

Das ist keine Geschichte über zwei Menschen. Diese Geschichte handelt von der Welle an Hasspostings, die das Netz überschwemmt, und von Morddrohungen, die salonfähig wurden, von organisierter Hetze und einem Video wie jenem, das der Ring Freiheitlicher Jugend im August veröffentlicht hat. Es ist eine Geschichte über Flüchtlingsheime, die in Flammen aufgehen, und Unschuldige, die mit Softguns beschossen werden, über ohnmächtige Staaten und eine Politik, die versagt. Hier geht es um den Ausländerhass, der sich eingenistet hat im Land, und darüber, wie er die Menschen dort auseinanderreißt.

Peter, 48 Jahre alt, ist beliebt in seiner Gemeinde. Er ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und spielt im Tennisverein, arbeitet in einer großen Tischlerei und leitet dort seit drei Jahren eine Abteilung. Er mag es, in andere Länder zu reisen, findet aber, dass es nirgends schöner ist als daheim. Peter liebt sein gelb gestrichenes Haus, das in derselben steirischen Gemeinde steht, in der er aufgewachsen ist, die Lieder von Georg Danzer, das Essen von Sonja – und Sonja, seit er 16 ist. Seit 27 Jahren sind die beiden verheiratet, sie haben zwei Töchter, die eine geht noch aufs Gymnasium, die andere lebt und studiert in Graz. Peter würde nie einen Geburtstag eines Freundes vergessen, und für seine Familie würde er alles tun. Wenn er aber das Wort Flüchtlinge hört, sagt er Sätze wie: »Weg mit dem Dreck!«

Das ist auch der Grund, warum sich Hannah an einem späten Sommertag bei einem Eis mit ihm zerstritten hat. Peter heißt in Wahrheit anders, auch sein genauer Wohnort bleibt geheim. Es gibt zwei Gründe, warum er nicht erkannt werden will: erstens, weil er sich nicht sicher ist, ob er den Medien noch vertrauen kann; und zweitens, weil dann manche behaupten könnten, er sei ein Rassist. Und das, sagt er, ist falsch. Peter kennt Hannah seit ihrer Geburt, sie ist im Nachbarhaus aufgewachsen. Heute ist sie 23 Jahre alt, lebt in Wien und studiert dort Englisch und Germanistik. Sie kommt nur noch selten nach Hause, aber wann immer sie ihre Eltern besuchte, besuchte sie auch den Peter. Jetzt nicht mehr. Weil Hannah am anderem Ende der Gesellschaft steht, weil sie T-Shirts mit dem Aufdruck »Refugees Welcome« trägt. Hannah hat sich an Spendenaktionen für Traiskirchen beteiligt und gibt syrischen Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht. Sie ist Teil jener Solidaritätswelle, die gerade durch Österreich zieht. Und obwohl diese so gewaltig ist wie niemals zuvor, scheint sie den Hass nicht durchdringen zu können.

Wer heute den Hass auf Fremde finden will, braucht ihn nicht in dunklen Kellern und am rechten Rand der Gesellschaft zu suchen. Er begegnet einem. Am Arbeitsplatz, im Park oder im Supermarkt. Er ist zum Hintergrundgeräusch geworden in der Straßenbahn, im Friseursalon, im Abendlokal. Und jederzeit ist er nur ein paar Klicks entfernt. Wird ein Artikel zum Thema online gestellt, geht das Übel los: Beleidigungen und wüste Beschimpfungen, Todeswünsche und Drohungen bis hin zum Mord. In rechteckigen Kommentarfeldern reiht sich in immer gleichen Abständen das Abgründigste im Menschen aneinander. Und das Erschreckende daran ist: Es erschreckt uns nicht mehr. Der Hass ist eingedrungen in das Innerste der Gesellschaft, ist in der Mitte angekommen. Wie ein Virus breitet er sich dort aus. Auf ehemalige Schulkollegen, die Lehrerin, den Steuerberater, auf den Nachbarn, die Tante, einen alten Freund. Und auf Menschen wie Peter.

Was ist hier los? Wie sind die Menschen nur so wütend geworden? Wann hat das angefangen, dass sie andere richtig hassen? Nicht solche, die sie persönlich enttäuscht, belogen oder betrogen haben. Sondern solche, die sie gar nicht kennen, die ihnen nichts getan haben, von denen sie nichts wissen? Was geht vor in Menschen, die andere als Dreck bezeichnen? In einem 17-jährigen Mechanikerlehrling aus Wels, wenn er unter das Foto eines strahlenden syrischen Mädchens, das in der Sommerhitze eine abkühlende Wasserdusche von der Feuerwehr erhält, »Flammenwerfer währe (sic!) da die bessere Lösung« schreibt? Was treibt Menschen dazu an, ins Internet einzusteigen, danach zu suchen, wie man am besten einen Brand legen kann, alles Nötige in einen Rucksack zu packen, mitten in der Nacht loszuziehen – und dann ein Flüchtlingsheim anzuzünden? Das ist passiert im bayrischen Vorra, in Limburgerhof in Rheinland-Pfalz, in Tröglitz in Sachsen-Anhalt, in Lübeck in Schleswig-Holstein und im sächsischen Meißen. Alles in den vergangenen Monaten. Im ersten Halbjahr gab es in Deutschland 150 Angriffe auf Unterkünfte von Asylwerbern. Zuletzt setzten Unbekannte in der Nacht von 11. auf 12. August ein geplantes Flüchtlingsquartier in Seekirchen in Salzburg in Brand. Wie konnte es so weit kommen? Woher kommt dieser Hass?

Wer sich in die Abgründe begibt, wer sich mit Politikwissenschaftlern, Psychologen und Soziologen zusammensetzt – wer nach Antworten sucht, muss eines bald erkennen: Wenn es perfekte Bedingungen für den Hass gibt, eine Zeit, in der er am besten gedeihen kann, dann ist diese Zeit jetzt. Und etwas Zweites: Es ist alles sehr kompliziert.

Der Fremdenhass schlummert in uns allen. Und zu gewissen Zeiten und bei bestimmten Anlässen erwacht er. »Diese Gefühle sind stark verankert in der Gesellschaft«, sagt Christoph Reinprecht. Er ist Sprecher der Forschungs­plattform Migration and Integration Research und Professor am Institut für Soziologie der Uni Wien. »Sie sind ­latent vorhanden und kollektive Gefühlslagen und Einstellungen.« Seit sich die Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg und verstärkt ab den Sechzigerjahren damit be­schäftigt, hat sich das Potenzial an Ablehnung, an Feindlichkeit, an Ressentiments gegenüber Fremden kaum verändert. Es ist konstant groß. Reinprecht nennt das einen »diffusen Konsens« in der Gesellschaft, der nur von ganz kleinen Minderheiten nicht mitgetragen wird. Lang sei man davon ausgegangen, dass dieses Potenzial durch den Bildungsaufstieg zurückgehen wird. Aber das, sagt Reinprecht, ist nicht der Fall.

Einen Effekt gab es dennoch. Und der äußert sich heute in den Kämpfen zwischen den sogenannten Toleranten und den Intoleranten, den Anständigen und den Unanständigen. Er äußert sich im Kampf Hannah gegen Peter. Es gibt mehr kritische Öffentlichkeit, mehr Ausei­nandersetzung, mehr klare Befürworter und klare Gegner. Und mehr Polarisierung. Durch den Bildungsaufstieg hat die Hinterfragung zugenommen, die kritischen Stimmen sind deutlicher geworden. Es reicht aber noch nicht aus, sagt Reinprecht, um dieses Potenzial brüchiger zu machen. Und es gibt ein Problem dabei: Es spaltet die Gesellschaft. Es arbeitet sich ein Graben zwischen verhärtete Fronten, und es gibt keine verbindende Brücke. Weil der Hass so undurchdringlich erscheint. Weil der auf die Flüchtlinge und Fremden mit Hass auf die Hasser beantwortet wird. Und die Antwort darauf wiederum Hass ist. »Das ist die Gefahr«, sagt Reinprecht. So eine Stimmung verfolgt ein zerstörerisches Ziel. Hass ist nie harmlos.

Hass ist das Gefühl tiefer Abneigung. Er ist die Steigerung von Ärger und Zorn und verwandt mit der Wut. Um das Gefühl verstehen zu können, hilft es am ehesten, es mit seinem größten Gegensatz zu vergleichen. Von seiner Wesensart ähnelt dem Hass kein Gefühl so sehr wie die Liebe. Die Hirnforschung hat schon lange einen Zusammenhang zwischen den beiden erkannt. Wenn Menschen hassen, werden im Hirn zwei Areale aktiv: das Putamen und die Inselrinde. Dieselben beiden Regionen im Großhirn wie bei romantischer Liebe. Während Wut so wie erotische Lust rasend ist, sofort verstetigt werden will, sind Liebe und Hass geduldige Zeitgenossen. Sie sind hartnäckig und wollen genährt werden. Beide neigen zur Verblendung und zum irrationalen Handeln. Und beide suchen sich Verbündete. Nur ist ihr Ziel ein völlig anderes. Nestor Kapusta, Psychoanalytiker und Professor an der Medizinischen Universität in Wien, beschreibt es so: »Hass ist der Versuch, das Objekt, das mir Angst bereitet, zu zerstören.«

Es geht also um Angst. Die Menschen fühlen sich bedroht, stehen unter Stress. Weil die Welt aus den Fugen zu geraten scheint. Sie sehnen sich nach Sicherheit – zurück in irgendwelche guten alten Zeiten. Nachdem der Schutt des Zweiten Weltkriegs weggeräumt war, ging es in den Jahrzehnten danach stetig bergauf, wirtschaftlich und sozial. Eltern konnten sich sicher sein, dass es ihren Kindern einmal besser gehen würde als ihnen selbst. »Es gab stabile Nationalstaaten, Wohlfahrtsstaaten, die nach innen recht gut funktioniert haben«, sagt Reinprecht, »und auch zwischen den Staaten gab es so etwas wie Stabilität.« Genau das bricht jetzt auf. Die Menschen haben plötzlich wieder Abstiegsängste. Es gibt Unruhen und Wirtschaftskrisen, allein in Österreich fast eine halbe Million Arbeitslose. In den Medien geht es seit Monaten um die Asyldebatte und um Flüchtlingsströme, die Zeitungen erzählen täglich von Bombenanschlägen, von Terror, Kriegen und Krisen in der Welt, und im Lokalteil muss ein verunglückter Schlepperbus herhalten, als wäre die Verhaftung von Schleppern das Ende der Migration. Aber die Völker wandern. Immer mehr verlassen ihre Heimat, um die Chance auf ein besseres Leben zu suchen – oder um überhaupt zu überleben. Die ansässige Bevökerung verliert gleichzeitig das Vertrauen in ihre Politiker. Die EU schafft es nicht, sich auf eine Länderquote für Flüchtlinge zu einigen, Österreich schafft es nicht, Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen. Und wenn Peter die Bilder aus dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen sieht, denkt er sich: »Das schaffen wir nicht.«

Wer sich länger mit Peter unterhält, wird Sätze wie diesen von ihm hören: »Ich muss tausende Euro Sozialabgaben im Jahr zahlen, ich arbeite 60 Stunden die Woche, am Ende geht es sich trotzdem nicht aus. Und jetzt sollen wir noch die ganzen Flüchtlinge versorgen?« Oder: »Wir haben einfach eine ganz andere Kultur, das ist halt nun einmal die christliche, und die gibt es jetzt bald nicht mehr.« Oder diesen hier: »Ich glaube nicht, dass sich meine Kinder einmal ein Haus leisten können, obwohl sie studiert haben.« Auch der beschäftigt Peter: »Ich habe Angst, dass es einen Krieg geben wird.« Wenn er höre, was seine Arbeitskollegen sagen, wie die einem Schwarzen »Du Negersau!« nachrufen, einfach so, dann glaube er manchmal: »Es dauert nicht mehr lange bis zum Hitler.« Es ist seltsam, weil es so anmutet, als habe Peter selbst irgendwie Angst vor diesem Hass.

Das Problem von Ressentiments, sagt Reinprecht, ist, dass man ihnen nicht mit vernünftigen Argumenten begegnen kann. »Gegen diese latenten, sehr stark verankerten kollektiven Gefühle helfen keine Geschichten, die von gelungener Integration handeln, oder andere Good Storys.« Das sei eben das Absurde. Es ist gut, dass es sie gibt, sagt Reinprecht. Aber sie sind nicht das Vehikel. Für den Psychoanalytiker Kapusta kann es nur eine Antwort da­rauf geben, auch wenn das eine enorme Integrationsleistung für die Österreicher wäre: »Wir müssen uns bemühen zu verstehen, warum Hass beim anderen entsteht.« Gefunden werden müsse dafür der Punkt, hinter dem eine reale Angst steckt. Und dann, sagt Kapusta, braucht es einen Kompromiss: »Es muss möglich sein, dass wir Flüchtlinge unterbringen und nicht im Freien schlafen lassen, und gleichzeitig die Arbeitssituation im Land zu ver­bessern.« Das Problem: Indem die regierenden Politiker im Moment nur beweisen, dass sie das nicht managen können, fördern auch sie den Hass. Seit Monaten ballen sich die Rücktrittsaufforderungen an Innenministerin ­Johanna Mikl-Leitner. Während die einen wütend sind, weil mitten in Österreich Menschen unter unmenschlichen Bedingungen leben, fühlen sich die anderen darin bestätigt, dass »das Boot jetzt voll ist«.

»Die Staaten versagen«, sagt Irene Etzersdorfer. Dass Österreich es nicht schafft, die Asylwerber auf die Länder und Gemeinden aufzuteilen, bezeichnet die Politikwissenschaftlerin der Donauuni Krems als »lächerlich«. Dass ein Flüchtlingsstrom nach Europa und somit auch Österreich kommen wird, war in ihren Augen vorhersehbar. Dennoch scheue sich die Regierung, das Thema anzusprechen, weil es um unpopuläre Maßnahmen geht. »In der Politik geht es zu einem ­Drittel um Machterhalt«, sagt Etzersdorfer. »Das kann sich auf bis zu 99 Prozent steigern, und unpopuläre Maßnahmen fördern diese Strukturen. Das ist das Problem.« Wie oft meldet sich Bundeskanzler Werner Faymann eigentlich zu Flüchtlings­fragen zu Wort? Oder Vizekanzler Reinhold Mitterlehner? Mit Aussagen, die wirkliche Lösungen beinhalten? Wie oft gibt es klare Aussprachen gegen den Hass?

Wir müssen uns eines bewusst machen: Das ist kein vorübergehender Zustand. Es werden weiter Flüchtlinge nach Europa kommen. Vermutlich hunderttausende, über Jahrzehnte hinweg. Und Menschen, die eine tödliche Reise über das Mittelmeer in Kauf nehmen, werden auch keine Soldaten, Grenzzäune oder Mauern aus Paragrafen davon abhalten, hierherzukommen. Die Asylidee »ist aber nicht ausgerichtet auf das, was sich gerade abspielt«, sagt Etzersdorfer.

Immer mehr rufen zu einer völligen Kehrtwende der europäischen Asylpolitik auf. Einer davon ist Heribert Prantl. Der ­Innenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte im Mai die 32 Seiten lange Streitschrift »Im Namen der Menschlichkeit – rettet die Flüchtlinge!« und sprach darin von einem »Flüchtlingsabwehr-Regime«, das die »Festung Europa« errichtet hat. Diese Abschreckungs- und Abwehrpolitik lässt auch die Ausländerfeindlichkeit in Europa auflodern, ist Prantl überzeugt. Weil erfolgreiche Asylpolitik im Moment bedeute: so viele Flüchtlinge wie möglich abwehren. Er fordert, dass Europa eine neue Schutzkultur entwickelt. Dafür muss es halbwegs sichere Wege ins europäische Asyl geben, die Dublin-Verordnung soll abgeschafft werden. Stattdessen schlägt Prantl eine einmalige freie Wahl vor: Jeder Flüchtling soll selbst entscheiden, in welchem Land er Asyl beantragen will. An die Stelle einer Flüchtlingsabschreckungspolitik soll eine Sozialpolitik treten: Wohnungen statt Massenunterkünfte, Sprachkurse, Erleichterungen beim Arbeitsmarkteinstieg. Man muss Prantls Vorschläge nicht alle gutheißen. Das Problem ist, dass im Moment über keinen solcher Vorschläge wirklich diskutiert wird, weil: unpopulär. Alles laufe auf einer Ressentimentebene, auf einer emotionalen Schiene ab, sagt Reinprecht. »Die Politik der Gefühle dominiert gegenüber der Politik der Argumente.« Mit Gefühlen alleine aber kann keine Gesellschaft organisiert werden.

In krisenbestimmten Zeiten greifen die Menschen zu primitiven Abwehrmechanismen, sagt Psychoanalytiker Kapusta. Sie suchen dann nach einfachen Erklärungen und schnellen Lösungen. Trennen in Gut und Böse. Und wählen Sündenböcke. Und für viele sind das derzeit eben »diese ganzen Ausländer«. Das ist der Mechanismus der Projektion. Kapusta beschreibt es so: »Man projiziert in andere hinein, sie sind böse, obwohl die anderen vielleicht gar nichts dafür können. Aber das macht sie in der Fantasie schon automatisch böse, und es legitimiert uns, sie anzugreifen und präventiv zu bekämpfen – weil sie ja böse sind.« Da braucht es dann nur noch eine Partei wie die FPÖ, die diese Einstellung bekräftigt und den Hass zusätzlich legitimiert und verfestigt. Die weitere Ängste schürt und diese dann instrumentalisiert.

Am 1. August hatte es mehr als 30 Grad Außentemperatur, im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen waren mehr als 4.000 Flüchtlinge untergebracht, es war einer der angespanntesten Tage in dieser Debatte – innerhalb und außerhalb des Geländes. Wenn dann der Ring Freiheitlicher Jugend in Oberösterreich an diesem Tag ein Video im Stil eines Thrillers online stellt und die Off-Stimme Sätze sagt wie »Wusstest du, dass tausende neue Asylwerber nach Österreich kommen werden, während die Politik nur schweigend zusieht?« oder »Wusstest du, dass du bald fremd im eigenen Land werden wirst?« oder »Wusstest du, dass du bald arbeitslos sein könntest?« und das Video dazwischen Frauen mit Kopftüchern und arabische Schriftzeichen zeigt, ist das Wasser auf Mühlen, die sich im ganzen Land drehen. Allein auf Facebook bekam das Video 752 Likes, wurde mehr als 1.200-mal geteilt, und darunter: heitere Zustimmung.

Die Grenze zwischen populistischer Inszenierung und Umkippen in Handgreifliches »ist haarscharf«, sagt Reinprecht. Und die Situation ist ja schon gekippt. Als Flüchtlingsheime in Brand gesteckt wurden, als Migranten mit ­Steinen beworfen wurden, als in Wiener ­Neustadt vier junge Männer mit Softguns auf Flüchtlinge schossen. Es gebe immer irgend­welche Leute, die zu solchen Handlungen fähig seien, die könnten das aber nur machen, »weil sie wissen, da stehen viele hinter mir, das wird gedeckt«, sagt Reinprecht. Und nie war es leichter als im Zeitalter des Internets, Verbündete und Bestätigung zu finden.

Einen Tag nachdem die Freundschaft zwischen Hannah und Peter geendet hatte, postete Peter auf seiner Facebook-Seite zwei Fragen: »Werden uns unsere Kinder verzeihen können, dass sie es einmal schlechter haben werden als wir? Werden sie uns verzeihen können, dass sie einmal nur unter Fremden aufwachsen müssen?« Peter bekommt auf einen Post durchschnittlich zwei Likes, auf diesen erhielt er vierzig. Darunter viele Hasskommentare.

Was aber werden unsere Kinder sagen, wenn sie hören, dass wir tausende Menschen dem Tod überlassen haben, dass wir das Mittelmeer zu einem Friedhof der Menschen gemacht haben und Freunde zu Feinden? Dass wir zugesehen haben, als Flüchtlingsheime in Flammen aufgingen? Dass wir uns in ihrem Namen gegen die Liebe und für den Hass entschieden haben? Werden sie uns das verzeihen können? Die universalistische Idee der Menschenrechte verlangt uns etwas ab – die Sorge um Menschen in anderen Ländern. »Nach diesem Grundgedanken haben diese Menschen einen Anspruch auf etwas«, sagt Irene Etzersdorfer. »Vermutlich mehr als wir, weil sie noch nicht einmal das Mindestmaß erreicht haben.«

Wer sich mit Menschen auf der einen Seite zusammensetzt und mit Menschen auf der anderen Seite und Wissenschaftler danach fragt, wie das alles ist mit diesem Hass und dem, was gerade passiert, wird einen Satz erschreckend oft hören: »So ähnlich hat sich der Nationalismus in den 1930er-Jahren entwickelt.« Es mag übertrieben klingen, weil wir uns lange sicher waren, dass es nie wieder so weit kommen wird. Wenn uns die Geschichte aber eines gelehrt hat, ist es das: Wir sind nicht gut darin, aus der Geschichte zu lernen. Die Bilder aus dieser Zeit, die bisher so schwer vorstellbar waren und nur unscharf in unseren Köpfen kursierten, bekommen plötzlich klare Konturen. Und immer häufiger kann einer glauben zu wissen: So war das also. So hat das angefangen.

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