Die Familie als Marke

Haya Molcho leitet ein kleines Gastronomieimperium. Sie setzt voll auf ihre Söhne und sich selbst als Markenbotschafter.

Erschienen am 23.12.2015 in DIE ZEIT.

 

Die Worte unterstreicht Haya Molcho mit großen Gesten, ihre Locken springen beim Sprechen mit. Während den meisten am Naschmarkt noch der Schlaf im Gesicht liegt, sind Molchos Augen schon hellwach. Als sie sich an den kleinen Tisch in der Ecke ihres Lokals setzt, beginnt sie mit einer Frage: „Wo soll ich anfangen?“ Es ist klar, dass sie darauf selbst antworten will.

Haya Molcho möchte über ihre Familie reden und über ihre Restaurants, in denen Nahost-Küche aufgetischt wird. Über den Kichererbsenbrei Hummus oder die Sesampaste Tahina, die sie an eine Supermarktkette verkauft, und ihr viertes Kochbuch, das bald erscheinen wird. Am liebsten will sie dabei nicht unterbrochen werden. Zwischenfragen beantwortet sie nur kurz, hält dann inne, fragt: „Wo war ich?“ Dann redet sie weiter über ihre Betriebe. Und über das Stück Land, das sie sich in Rumänien gekauft hat, um eigenes Gemüse anzubauen. Oder über die Flyer, von deren Vorderseite vier junge Männer lächeln. „Meine schönen Söhne“, sagt sie. Wenn Haya Molcho über ihre Kinder spricht, klingt sie wie eine stolze Mutter. Und eine PR-Frau.

Es ist ein Montagmorgen und über dem Wiener Naschmarkt hängt ein grauer Himmel. Hier hat sich Haya Molcho 2009 einen Traum erfüllt: Sie eröffnete das orientalische Restaurant Neni. Neni wie Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan – die Söhne. Drei von ihnen sind heute ihre Geschäftspartner, und das ist kein Zufall. In Molchos Leben steht die Familie über allem.

Was mit Neni am Naschmarkt begann, ist sechs Jahre später zu einer Gastronomiekette mit mehr als hundert Mitarbeitern geworden. Die Molchos betreiben den Tel Aviv Beach am Donaukanal, besitzen Lokale in Berlin, Zürich und Hamburg. Ihr Catering beliefert 1600 Spar-Filialen sowie die Hotelkette 25 Hours in ganz Europa. Neni ist eine Marke. Aber nicht nur das: Haya Molcho hat sich selbst zu einer Marke gemacht. Sie lacht aus Supermarktbroschüren und von Hummusverpackungen im Kühlregal, aus Kochbüchern und den Klatschspalten der Zeitschriften.

Haya Molcho so, als hätte ihr Leben erst gerade begonnen. Dabei ist sie sechzig Jahre alt, und ihre vier Söhne sind längst erwachsen. Wenn sie von ihren Plänen spricht, spricht sie immer im Plural. Sie sagt stets: „Wir“.

„Wir“, meint sie, „wir sind sehr eng.“ Ihr größter Erfolg sei, dass ihre Söhne „so zusammenhalten“. Heimat sei für sie kein Land auf dieser Welt. Nicht Rumänien, aus dem ihre jüdischen Eltern stammen, nicht Israel, wohin sie nach dem Zweiten Weltkrieg emigriert waren und wo Molcho geboren wurde. Nicht Deutschland, wohin sie 1964 ausgewandert war, nicht Österreich, wo sie sich mit ihrem Mann Samy Molcho, einem berühmten Pantomimekünstler, vor dreißig Jahren niedergelassen hat. Heimat ist, sagt sie, wo ihre Familie ist.

Haya Molcho spricht mit lauter, kräftiger Stimme. Man kann sich gut vorstellen, wie sie eine Festgesellschaft alleine unterhält. Sie kann ihrem Gegenüber in kürzester Zeit ein Gefühl von Nähe vermitteln, weil sie, ohne zu zögern, intimste Dinge aus ihrem Leben erzählt. Von den sieben Jahren zum Beispiel, als sie nicht und nicht schwanger wurde und am Ende fast aufgegeben hatte. Von dem Tag, als ihr Vater von zu Hause wegging und sie unglücklich zurückließ. Von den ersten Monaten im Neni, als sie abends oft weinte, weil sie fürchtete, es nicht zu schaffen. Oder von der besonderen Liebe zwischen ihr und Samy, der zwanzig Jahre älter ist als sie. All das erzählt sie einfach so. Und stellt im selben Moment eine unüberbrückbare Distanz her. Etwas Unnahbares umgibt sie. Jede Anekdote folgt einer perfekten Dramaturgie, und man merkt, dass sie ihre Geschichten geplant und schon unzählige Male erzählt hat. Sie sind Teil der Marke Molcho. Ein Produkt, das sie verkauft.

Hayas Gesicht ist das Aushängeschild der Firma

Was bietet sich besser an, um einen Familienbetrieb zu vermarkten, als die eigene Familie? Ein Angebot, in der Öffentlichkeit aufzutreten, schlagen die Molchos selten aus. „Die Leute glauben immer, wir würden Journalisten bestechen, dass sie über uns schreiben“, sagt sie, dabei würden alle immer auf sie zukommen. Ohnehin wäre alles in ihrem Leben immer auf sie zugekommen. Molcho glaubt an die Bestimmung. Es gebe Leute, die fänden, sie seien zu oft in den Medien, erzählt sie, aber das verstehe sie nicht. „Natürlich schreibt man über eine Familie, die erfolgreich ist. Warum nicht?“, sagt sie. „Ich merke, dass es viele Neider gibt.“

Als Haya Molcho 2009 das Lokal am Naschmarkt zum Kauf angeboten wurde rief sie ihre Söhne an und fragte: „Wollt ihr mitmachen?“ Nuriel, der älteste, heute 31, und Elior, zwei Jahr jünger, hatten gerade ihre Studien in Barcelona und Baden-Baden abgeschlossen. „Es war der perfekte Zeitpunkt“, sagt Molcho.

Nuriel ist heute für das Marketing zuständig, Elior für das Catering. Ilan, der zwei Jahre später in das Unternehmen eingestiegen ist, kümmert sich um die Finanzen und die Supermarktprodukte. Nur Nadiv, der jüngste, hält sich – wie Vater Samy – bislang aus den Geschäften seiner Familie heraus. Er arbeitet an einer Schauspielkarriere. „Aber er wird immer einen Platz bei uns haben“, sagt Haya Molcho.

Alle Molcho-Brüder nennen ihre Mutter beim Vornamen. Früher, weil Haya leichter auszusprechen gewesen sei als das hebräische Wort für Mama. „Und jetzt wäre es auch komisch, wenn wir zu ihr vor Geschäftsleuten Mama sagen würden“, sagt Nuriel.

Auf dem Papier halten alle Familienmitglieder die gleichen Anteile an Neni, intern steht aber das Clanoberhaupt an der Spitze. „Natürlich hat Haya eine besondere Rolle“, erzählt Nuriel. „Sie ist unsere Mutter. Sie wird immer eine Respektsperson bleiben.“ Haya Molcho ist auch nach außen das Gesicht von Neni. Das sei aus Marketinggründen wichtig, sagt Nuriel. Für ihn sei das kein Problem, er habe nicht so ein „großes Ego“. Für Ilan sei das schwieriger. „Weil er später dazukam, musste er sich zu Beginn erst beweisen, aber jetzt ist er der Fleißigste von uns allen“, sagt er. „Manchmal ärgert sich Ilan und sagt: Ich bin derjenige, der den ganzen Tag in der Produktion steht, und am Ende sieht man doch überall nur Hayas Gesicht.“

Neben der Molcho-Familie gibt es noch die Neni-Familie. Und will man Teil davon sein, braucht es ein eindeutiges Bekenntnis. Ein Koch, der zu Beginn nach seinen Urlaubstagen fragt, „kann gleich wieder gehen“, sagt Haya Molcho. „Der wird bei mir nie arbeiten.“ Leidenschaft brauche man. Denn Neni, sagt sie, ist nicht nur Essen – das sei ein Lebenskonzept.

Auch Nuriel sagt, Mitarbeiter müssten so ticken wie die Molchos. Sie müssten sich mit dem Betrieb identifizieren können, ja, stolz müsse man darauf sein, für Neni zu arbeiten. Wurde man aber erst einmal in die Familie aufgenommen, genieße man viele Freiheiten. Der erste Arbeitstag beginne mit einem großen Vertrauensvorschuss. „Aber wenn jemand unser Vertrauen missbraucht“, sagt Nuriel, „kennen wir kein Pardon. Dann wird der sofort gekündigt.“ Da seien sie „knallhart“.

Den Familiensinn und die Leidenschaft fürs Kochen, sagt Haya Molcho, habe sie von ihrer Mutter. „Wir haben immer für einen Tisch voller Leute gekocht.“ Auch Samy Molcho war oft darunter. Er ist wie Haya aus Tel Aviv, kennengelernt haben sie sich erst in Deutschland. Sie verliebten sich, und als Samy nach Wien zog, ging Haya mit. Sie war 23, als sie heirateten, Samy 20 Jahre älter. Sieben Jahre lang reiste sie mit ihm um die Welt. Während er auf der Bühne stand, besuchte sie Märkte voller Gemüse und Gewürze und kochte in fremden Küchen. Als das Paar 1984 zurück nach Österreich kam, wusste Haya, dass sie irgendwann einmal beruflich kulinarisch tätig werden wollte.

„Aber dann war ich erst mal Mutter“, sagt sie. „Und ich liebte es.“ Ein halbes Jahr nachdem sie nach Weidling bei Klosterneuburg gezogen waren, kam Nuriel zur Welt, oder wie Haya Molcho ihn nennt: „der Goldjunge“. In Zweijahresabständen folgten die nächsten drei Söhne.

Nach Nadivs Bar Mizwa sei sie in eine kleine Lebenskrise gefallen. In ihr brannte eine Frage: „Was mache ich, wenn meine Söhne alle aus dem Haus sind?“ Dann organisierte sie das erste Catering für eine Freundin. „Es waren genau die richtigen Leute eingeladen“, sagt Molcho. Und mit „richtig“ meint sie wohlhabend. „Alle waren total begeistert, keiner hat das so gemacht wie ich.“

An Selbstbewusstsein fehlt es Haya Molcho nicht. Sie sagt oft große Sätze wie: „Wir schaffen Frieden in unseren Küchen, weil dort Köche aus allen Ländern der Welt mit den unterschiedlichsten Religionen und Kulturen arbeiten.“ Oder: „Die Molchos haben den Hummus nach Österreich gebracht.“ Sie selbst bezeichnet sich als „mutig“, das habe sie von ihrem Vater, einem Zahnarzt, der Anfang der sechziger Jahre nach Deutschland ging, um dort eine eigene Praxis zu eröffnen. Er holte Haya, ihren zwei Jahre älteren Bruder und die Mutter erst ein Jahr später nach Bremen nach. Sie konnte das damals nicht verstehen. „Ich dachte, mein Vater hat uns verlassen. Ich hatte ein Trauma“, sagt sie. „Ich glaube, deshalb ist mir die Familie auch bis heute so wichtig.“

 

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