„Ich wollte nie gratis arbeiten“

Von klein auf fasziniert sie das Geldwesen. Heute wacht Martha Oberndorfer über das Milliardenvermögen der Republik in der Staatsholding.

Erschienen am 12.11.2015 in DIE ZEIT.

 

Alle zwei Wochen saß die siebenjährige Martha Oberndorfer im Büro ihres Vaters. Vor ihr auf dem Schreibtisch stapelten sich Münzen und Scheine. Das kleine Mädchen zahlte die Mitarbeiter ihres Vaters aus, dem in Krems als Zimmermeister ein kleines Unternehmen gehörte. Heute steht Martha Oberndorfer vor dem Sofa neben ihrem eigenen Schreibtisch, ihre blonden Haare sind stets perfekt geföhnt. Durch die Fenster im sechsten Stock eines mächtigen Gebäudekomplexes im 20. Wiener Gemeindebezirk sieht sie weit über die Stadt. Aus dem kleinen Mädchen in Krems ist mittlerweile eine der mächtigsten Managerinnen des Landes geworden: Sie ist Chefin der Österreichischen Bundes- und Industriebeteiligungen (ÖBIB).

Als Kind lernte sie die Bedeutung von Geld kennen. Wenn sie heute von der großen Bedeutung der kleinsten Ziffern hinter dem Komma erzählt, dann leuchten die Augen noch immer wie die eines kleinen Mädchens. Die Begeisterung für das Finanzwesen hat sie seit damals nicht mehr losgelassen.

„Diese Räumlichkeiten sind nicht optimal“, sagt Oberndorfer trotz des schönen Ausblicks aus ihrem Büro. Der „Spirit“ hier, der sei einfach nicht sympathisch. Lange muss sie aber nicht mehr hierbleiben, die ÖBIB übersiedelt bald in den ersten Bezirk, nur einen kurzen Spazierweg vom Finanzministerium entfernt. Und das ist kein Zufall. Denn die Politik hat sich die Macht über die Staatsholding zurückgeholt.

Nach dem pannenreichen Abgang von OMV-Chef Gerhard Roiss und den Turbulenzen beim Einstieg des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim bei der Telekom Austria wurde die frühere ÖIAG im März 2015 zur ÖBIB umgewandelt. Die Regierung hat sich damit wieder mehr Einfluss in jener Holding verschafft, die sich um die Unternehmensbeteiligungen des Staates kümmert: Jeweils rund ein Drittel hält sie an der OMV, der Telekom Austria, den Casinos Austria und der Pensionskasse, etwas mehr als die Hälfte an der Post – insgesamt hat das Portfolio einen Wert von 5,3 Milliarden Euro.

Martha Oberndorfer ist seit diesem Juni die oberste Vertreterin der Republik in den Unternehmen, sie muss dem Parlament und dem Rechnungshof Rede und Antwort stehen. Wenn der Bund Anteile seiner Unternehmen abstoßen oder zurückkaufen möchte, liefert sie die Expertisen dazu. Ihr Kalender ist voller Termine mit Politikern, Generaldirektoren der Banken, Industriekapitänen und Firmenbossen. Sie führt die Verhandlungen, die großen Entscheidungen trifft sie aber nicht. Sie ist an die Weisungen des Finanzministers gebunden.

Für Oberndorfer ist das nichts Neues. Seit Jahren ist sie eine treue Dienerin der Politik. Zuvor war die 53-Jährige die Schuldenmanagerin der Republik und als Chefin der Bundesfinanzierungsagentur (ÖBFA) war sie ebenfalls dem Ministerium unterstellt. In den siebeneinhalb Jahren in diesem Job erlebte sie fünf Finanzminister. Der letzte von ihnen, Hans Jörg Schelling (ÖVP), schlug sie für den Chefposten bei der ÖBIB vor.

Gleich nach Antritt des neuen Postens begann sie einen Auftrag umzusetzen: Schlanker und effizienter sollte die verstaubte Staatsholding werden. Und Oberndorfer erfüllt solch eine Order mit fast überbordendem Eifer. Sie entließ den Chauffeur, strich Bereichsleiterposten, kündigte Beraterverträge, kürzte das Personal und tauschte die Schlösser zu ihrem Büro aus. „Wenn ich keinen Chauffeur brauche und er keine andere Beschäftigung im Unternehmen hat, was soll ich dann mit ihm tun?“, sagt sie heute. „Und finden Sie das normal, dass fast alle Mitarbeiter den Schlüssel zum Büro des Chefs haben?“ Bei den Entlassungen sei es nicht um bestimmte Köpfe gegangen, sondern um Stellen, die gestrichen werden mussten. Sie mache das, „was das ÖBIB-Gesetz verlangt“ – viele Sätze der Technokratin enden so, die Paragrafen stehen über allem.

Oberndorfer galt rasch als „Aufräumerin“, harsch sei sie, dominant, „eine Frau mit reschem Führungsstil“, schrieb eine Zeitung. Wenn sie das hört, lacht sie. Das habe weniger mit ihr als Person, sondern mehr mit ihr als Frau zu tun. „Die Leute sollten froh sein, dass ich kein Softie bin“, sagt sie. „Ich führe Verhandlungen für die Republik.“ Und dazu gehören unpopuläre Maßnahmen.

Wer sich in der Finanzwelt nach Oberndorfer erkundigt, hört immer wieder einen Satz, der wenig ehrlich und dafür mehr wie eine ausweichende Platitüde klingt: Sie sei hart, aber fair. Niemand verliert ein schlechtes Wort über sie, aber auch niemand will namentlich genannt werden. Manche haben großen Respekt vor Oberndorfer, andere fürchten sie.

„Mein Verhandlungspartner ist immer mein Gegner“, sagt sie. „Der will immer sein bestes wirtschaftliches Interesse herausholen. Und ich auch.“

Wenn Oberndorfer auf dem Sofa neben dem Schreibtisch sitzt, zeigen sich ihre zwei Seiten: Es ist ein Wechselspiel aus Oberndorfer, der Chefin, und Martha, der Frau. Wenn sie über ihren Job spricht, dann beugt sie sich nach vorne, stellt ihre Füße fest auf den Boden und gestikuliert, wie es Politiker tun. Kompetenz, Durchsetzungsstärke, Stabilität wollen ihre Hände sagen. Sie spricht dann von ihren Portfolios und ihrer „Performance“, von „Accountability“ und „Compliance“. Jeder Satz ist überlegt. Wenn die zweifache Mutter über sich selbst spricht, über ihre Familie oder die Figuren aus Pappmaché, die sie so gerne bastelt, dann lehnt sie sich zurück, schlägt ihre Beine übereinander, antwortet schneller, redet gelassener. Dann mischt sich plötzlich das Niederösterreichische ins Hochdeutsche, und sie lacht viel.

Oberndorfer wurde am 9. Mai 1962 in Krems geboren und ist dort auch aufgewachsen. Die Mutter war Volksschullehrerin. Die Arbeit als Lohnauszahlerin beim Vater habe ihr sehr gefallen, erzählt sie. „Geld war mir schon immer sympathisch.“ Damals habe sie auch gelernt, dass Scheine wertvoller sind als Münzen.

Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, den ihr die Eltern zur Matura schenkten, hat sie 34 Jahre später noch immer nicht zu Ende gelesen. „Zu fad“, findet sie. Sie lese nur Spannendes, Geschichten über alte Bankiersfamilien oder über die Anfänge des Währungsfonds. Was es nicht schafft, rasch ihre Aufmerksamkeit zu wecken, dem schenkt sie schnell keine mehr. Überzeugt sie ein Buch auf den ersten fünf Seiten nicht, legt sie es weg, mundet ihr eine Mahlzeit nicht, lässt sie die stehen.

Auf Politik hat sie keinen Appetit, obschon sie, von der es heißt, sie stehe der Volkspartei nahe, bereits als Zukunftshoffnung der Partei gehandelt wurde. „Ich weiß, dass das nicht mein Metier ist.“ Wahrscheinlich, sagt sie, wäre sie dafür nicht diplomatisch genug.

Sie wollte immer drei Dinge im Leben erreichen: eine Arbeit, die sie erfüllt, Karriere mit Familie vereinbaren (sie ist mit dem Geschäftsführer der Caritas Socialis Robert Oberndorfer verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter) und Geld verdienen. „Ich wollte nie gratis arbeiten.“

Nach der Matura studierte Oberndorfer Betriebswirtschaft und Wirtschaftspädagogik in Linz. Sie wollte Karriere machen und die niederösterreichische Provinz hinter sich lassen. 1987 ging sie nach Kanada, machte einen MBA in Finanzanalytik in Toronto und lernte die globale Finanzwelt kennen. Alles sah nach einer internationalen Karriere aus. Nach dem Abschluss nahmen ihre Studienkollegen Jobs in Investmentfirmen oder an der Börse an, zockten um die Wette und verdienten rasch ein kleines Vermögen. Auch Oberndorfer bekam eine Reihe von Angeboten. „Aber für mich war diese Arbeit zu wenig verantwortungsvoll“, sagt sie.

Schon in ihrer Doktorarbeit aus dem Jahr 1991 plädierte sie dafür, das Fach Ethik in das Curriculum der österreichischen Wirtschaftsstudien aufzunehmen. Zehn Jahre später kam es dann tatsächlich dazu.

Sie habe nach einem Sinn in der Arbeit gesucht, sagt sie. Sie ging nach Wien, arbeitete als eine der wenigen weiblichen Fondsmanagerinnen in der Bank Gutmann, später in der Kommunalkredit Austria. Nach einem Intermezzo in der Chefetage der Bundespensionskasse 2006 ging sie ein Jahr später zu Trans Europe Financials, einem Spezialisten für das Finanzmanagement der öffentlichen Hand. Ihr Engagement fiel auf und ÖVP-Finanzminister Wilhelm Molterer holte sie 2008 an die Spitze der ÖBFA.

Nach Misserfolgen im beruflichen Leben gefragt, fällt ihr keiner ein. „Ich weiß, dass meine Arbeit volkswirtschaftlich wichtig ist,“ sagt sie. An Selbstbewusstsein mangelt es Oberndorfer nicht. Sie wolle nicht nur ein Vierteljahr, sondern ein Vierteljahrhundert nach vorne denken. Behauptet sie. Doch die volle Verantwortung will sie dann nicht tragen. Die Entscheidungen überlässt sie anderen, den Politikern. Oberndorfer fühlt sich wohler an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft. Dort könne sie ihr Fachwissen einbringen und ohne Rücksicht auf politische Befindlichkeiten Optionen aufzeigen. „Damit bin ich eigentlich zufrieden.“

 

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