Der LSD-Mönch

Vanja Palmers wollte der reichste Mensch der Welt werden. Doch der Millionenerbe aus der Wäschedynastie fand Buddha und möchte nun der Weiseste von allen sein.

Erschienen am 11. August 2016 in DIE ZEIT.

Der Weg zu Vanja Palmers führt über steinige Forststraßen aufwärts, vorbei an dunklen Nadelwäldern und saftigen Wiesen, bis 1300 Meter Seehöhe erreicht sind. Auf einer Alm am Fuß des Hochkönigs im Salzburger Pinzgau stehen zwei holzverkleidete Häuser, die einmal Stadl und Tenne waren. Ins Gebäude rechts dringt Grillenzirpen durch die offenen Fenster, in der Ferne läuten Kuhglocken. Ansonsten herrscht Stille. Vanja Palmers, ein Mann, der einmal der reichste Mensch der Welt werden wollte, ist schlank, fast hager. Bloßfüßig steht er im hintersten Zimmer und füllt einen Wasserkrug. Um das linke Armgelenk baumelt eine Gebetskette. Der 69-jährige Millionenerbe stammt aus einer der wohlhabendsten Familien Österreichs: der Wäschedynastie Palmers. 2004 verkaufte die Familie alle Anteile am Textilkonzern, Vanja Palmers kehrte dem Geschäft schon lange davor den Rücken. Er trägt seitdem japanische Lendenschurze, die neueste Unterwäschemode kümmerte ihn nicht. Seit mehr als dreißig Jahren ist er buddhistischer Zen-Meister.

Palmers Geschichte ist eine der 68er-Generation, aber auch eine, die sich in jeder Generation wiederholt. Sie handelt von Rebellion – gegen das System und gegen die Eltern. Vom Aussteigen und Aufbäumen, von Abkehr und Abnabelung. Und sie ist die Geschichte eines Sohnes aus reichem Haus, für den es einfach war, sich von den Konventionen loszusagen.

Wer so aufwächst wie Palmers – großbürgerlich und wohlbeschützt in einem Schweizer Dorf – und für wen bereits am Tag seiner Geburt ein Platz im Unternehmen der Familie reserviert ist, der hat zwei Möglichkeiten: Er fügt sich seinem Schicksal. Oder: Er bricht aus.

Es gab eine Zeit, in der Vanja Palmers nur ein Ziel hatte: der Reichste von allen zu werden. „Ich wollte das Vermögen meiner Familie ins Unermessliche vergrößern.“ Es ist ein Satz, der heute aus seinem Mund befremdlich klingt. Palmers hat sich auf die kleine Bank vor dem Haus mit Blick ins Tal gesetzt, die Beine übereinandergeschlagen und sich zurückgelehnt. Er wirkt wie ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist. Er spricht leise und ruhig. Und er tut es nicht nur, wenn er Buddha zitiert – manchmal legt Palmers Bedeutungsschwere auch in beiläufige Sätze und lässt Banales wie Weisheiten klingen. Der Zen-Mönch hat die Stimme eines Mittvierzigers, er sieht auch um vieles jünger aus, als er in Wahrheit ist.

Vanja heißt eigentlich Johannes und wurde 1948 in Wien geboren. Er lag noch im Kinderwagen, als seine Familie in die Schweizer Gemeinde Sursee übersiedelte. Sein Großvater Ludwig Palmers legte 1914 mit der Eröffnung eines Wäschegeschäfts in Innsbruck den Grundstein zu Österreichs größtem Wäschekonzern. Nach dessen Tod übernahm die Geschäftsleitung Vanjas Onkel Walter Michael, der 1977 von Linksterroristen entführt wurde. Für seine Freilassung zahlte die Familie 31 Millionen Schilling Lösegeld.

Vanjas drei ältere Brüder stiegen bei Palmers oder dem Schweizer Tochterunternehmen Calida ein. Und auch Vanja selbst folgte der Familientradition: Er studierte Betriebswirtschaft, führte mit Anfang zwanzig eine Boutique in Zürich und fuhr einen dicken Sportwagen. Vielleicht, sagt Palmers, würde er das heute noch tun, hätte ihm damals ein Freund nicht eine psychedelische Substanz zugesteckt. Palmers nahm LSD. „Diese Reise hat alles verändert“, sagt er. „Ich wusste danach, dass ich ein völlig anderes Leben führen muss.“ Er brach sein Studium ab, stieg aus den Geschäften seiner Familie aus und zog auf den leer stehenden Bauernhof seiner Eltern in Salzburg. Plötzlich wollte er nicht mehr der reichste Mann der Welt werden. „Ich wollte weise sein“, sagt er. „Und ich wollte die Welt retten.“ Dann muss er ein wenig schmunzeln.

Heute wohnt Palmers nicht mehr in der Einöde, sondern in einem großen Haus in Luzern. Seine Einstellungen, sagt der Asket, hätten sich aber seit damals nicht verändert. Er lebt vegan, ist Tierschützer, war zehn Jahre lang Präsident des Vereins gegen Tierfabriken. Die Menschheit, sagt er, sei das „Krebsgeschwür des Planeten: Wir vermehren uns unkontrolliert und nehmen viel zu viel für uns in Anspruch.“ Er leitet buddhistische Seminare, hält Vorträge in Österreich, der Schweiz, Amerika und führt zwei Meditationszentren. Das eine ist hier in Dienten am Hochkönig, gegründet 1989 mit einem Benediktinermönch. Das andere in Felsentor in der Schweiz. In den vergangenen Jahren widmete sich Palmers aber vor allem einem Anliegen: der Freigabe von LSD. Gemeinsam mit der Universität Zürich führte er Studien durch, in denen das Psychedelikum bei Schwerstkranken und Menschen mit Angstzuständen eingesetzt wurde. „Die Ergebnisse sind vielversprechend“, behauptet Palmers. Die Gefahr von Psychosen durch LSD-Konsum, glaubt er, sei in den Griff zu kriegen: „Es muss kontrolliert eingesetzt werden.“ Er ist davon überzeugt, dass LSD eine bessere Welt ermöglichen könnte.

Nachdem Palmers sein altes Leben aufgegeben hatte, wollte er ein Yogi sein, kleidete sich nur noch in Weiß, ließ seine Haare wachsen, den Bart bis zum Bauchnabel. „Meine Familie hat das natürlich nicht verstanden, mein Vater schon gar nicht“, sagt er. „Aber er war schon zu alt und krank, um sich mir entgegenzustellen.“ Das familiäre Band sei jedoch zu stark gewesen, dass man sich deshalb überworfen hätte. Zum Glück, findet Palmers.

Ein Jahr lang lebte er auf dem Bauernhof seiner Eltern, dann hielt er das Dasein als Einsiedler nicht mehr aus. Er zog in die Welt, reiste wie ein Bettelmönch durch Nordafrika, ging später nach Amerika und kaufte sich vom Erlös des halben Kilos Marihuana, das er ins Land geschmuggelt hatte, ein Motorrad. Er durchquerte die USA, fuhr von der West- zur Ostküste, liebte Frauen und lebte in Aschrams. Irgendwann fand er sich im buddhistischen Zen-Kloster von Tassajara in den grünen Bergen Kaliforniens wieder. Je länger Palmers als Mönch dort lebte, desto kürzer wurden seine Haare. Er wurde in die buddhistische Lehre eingeweiht und blieb zehn Jahre lang, in denen er sich zum Zen-Lehrer ausbilden ließ.

Palmers hat eine 36-jährige Tochter und ist mit einer Modedesignerin verheiratet. Die beiden Frauen sind der Grund, warum er nach Europa zurückkam, mittlerweile lebt er getrennt. Die meiste Zeit des Jahres wohnt er allein in seinem Haus in Luzern. „Ich mag es, das Alleinsein und die Stille.“ Wenn er daheim ist, dreht er nie Musik auf, sondern meditiert.

Palmers nennt sich selbst einen „typischen Aussteiger“. In seiner Geschichte gibt es aber einen Punkt, den er nicht von selbst anspricht. Wenn er etwa vom Hof und dem Land erzählt, das er sich in der Gemeinde Weggis in Luzern gekauft hat und wo er gerne seine Nachmittage verbringt. Er sagt dann: „Da spiele ich Bauer.“ Und darum geht es: Er spielt Bauer. Er ist keiner. Und muss keiner sein. Er will es. Palmers musste sich auch nicht als Mönch durch Nordafrika betteln oder mit Marihuana in Amerika dealen, um sich ein Motorrad kaufen zu können. Er tat es, weil er Lust darauf hatte. Palmers konnte sich den Luxus leisten, ein bescheidenes Leben zu führen. Auf seiner jahrelangen Selbstfindungsreise wusste er: Ein Anruf genügt, und er hat ein Flugticket nach Hause. „Ja, das stimmt. Das hat es natürlich leichter gemacht“, sagt er. Auf seiner Tour hat er niemanden davon erzählt, dass er eigentlich ein vermögender Mann ist. Auch seinen Brüdern im Kloster nicht. „Ich habe es früher auch als Belastung empfunden, nicht arm zu sein“, sagt Palmers. Heute weiß der Zen-Mönch seine Millionen einzusetzen: Seinen Aktivismus und Lebensstil finanziert er sich durch Immobiliendeals. Sein Vermögen hat er in Liegenschaften in der Schweiz angelegt.

Reichtum, sagt Palmers, sei kein Widerspruch zu einem buddhistischen Leben. „Das ist eigentlich gutes Karma.“ Gemeinsam mit Schönheit, Energie und Intelligenz zählt Vermögen zu den sogenannten vier Königen der Welt. „Worum geht es im Leben?“, fragt Palmers und gibt selbst die Antwort: „Um die Überwindung des Leidens. Ums Glücklichsein.“ Reichtum solle dabei helfen. Wenn man aber sein Ego damit aufbaue, könne es ins Gegenteil schlagen. „Man glaubt, man ist eine Person, die Millionen besitzt. Im nächsten Moment aber kann das Geld weg sein. Wer bin ich dann?“

Vanja Palmers erwartet sich keine Anerkennung durch materiellen Besitz, Bestätigung sucht er aber immer noch. Er gibt regelmäßig Interviews, tritt in der Öffentlichkeit auf und erzählt von seinem Weg „zur großen Verwandlung“. Es reicht ihm nicht, unbemerkt zu sich selbst zu finden. Wenn er von seinem Erleuchtungsmoment erzählt, dann sagt er: „Ich habe erkannt, dass ich nicht der König, sondern der Weise sein will.“ Und in Vanjas Welt ist der Weise wichtiger als der König.

Seit Palmers nach einem LSD-Trip sein Leben umwarf, den Maßanzug abstreifte und sich in wallendem Weiß auf Sinnsuche begab, ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Wenn er sich auf dieser Holzbank am Fuße des Hochkönigs erneut fragt, was die Menschen hier eigentlich zu suchen haben, dann hat er eine Antwort: „Ich weiß heute sehr klar“, sagt er, „dass alles ein großes Geheimnis ist. Wir können es gar nicht wissen.“ Er lehnt sich zurück und blickt zufrieden hinunter ins Tal.

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